3. Sonntag im Jahreskreis C – Wolle die Wandlung! (27.1.2019)

„Wolle die Wandlung!“ (Rainer Maria Rilke)

Schriftstellen:
Erste Lesung: Neh 8,2-4a,5-6.8-10
Zweite Lesung: 1Kor 12,12-31a
Evangelium: Lk 1,1-4; 4,14-21

 

 

 

 

 

„Wolle die Wandlung!“ So beginnt der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) den zwölften Abschnitt im zweiten Teil seiner Sonette an Orpheus. Dieser Ruf sollte am Beginn eines jeden Gottesdienstes stehen.

Aber:
Inkonsequent
Frag hundert Katholiken,
was das wichtigste ist in der Kirche.
Sie werden antworten: Die Messe.
Frag hundert Katholiken,
was das wichtigste ist in der Messe.
Sie werden antworten: Die Wandlung.
Sag hundert Katholiken,
daß das Wichtigste in der Kirche die Wandlung ist.
Sie werden empört sein:
Nein, alles soll bleiben wie es ist. (Lothar Zenetti * 1926)

„Inkonsequent“ hat der Frankfurter Pfarrer Lothar Zenetti 1972 diese Zeilen genannt. Das Wichtigste ist die Wandlung, aber es muß bleiben, wie es ist. Wasche mich, aber mach’ mich nicht naß!

Wandlung und Wandel/wandern hängen sprachlich eng zusammen. Nach Grimms Deutschem Wörterbuch (XIII) bedeutet „wandeln“ ursprünglich „hin und her gehen“. Wir kennen die Wandelhallen in Kurhäusern. Die Kreuzgänge in den Klöstern erfüllen ebenfalls diese Funktion. Auch in dem Verb „winden“, worauf das Substantiv „Wand“ zurückgeht (gewundene Zweige mit Lehm ergeben eine Wand), verbirgt sich ein Wandel.

Die Katholiken nennen die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi Transsubstantiation (Wesensverwandlung), wobei die Akzidentien, die sinnlich wahrnehmbaren Gestalten von Brot und Wein, erhalten bleiben und die Substanz, das nicht sinnlich wahrnehmbare Wesen von Brot und Wein, sich in Leib und Blut Christi verwandelt.

„Wolle die Wandlung!“ Was soll sich denn wandeln? Wir haben am vergangenen Freitag das Fest „Pauli Bekehrung“ gefeiert in Erinnerung an die Begegnung von Paulus mit dem Herrn vor Damaskus. Diese war so intensiv, daß Paulus sich bekehrte und Christ wurde; er wandelte sich, ohne ein „Wendehals“ zu sein. Nach der Bekehrung bat er den Herrn, ihm den Stachel zu nehmen. (2 Kor 12,8) Wir wissen nicht genau, was er mit Stachel gemeint hat, jedenfalls etwas, was ihn störte am heiligmäßigen Leben. Vielleicht ging es auch um eine Charakterschwäche. Der Herr antwortete ihm: „Es genügt Dir meine Gnade!“ (2 Kor 12,9) Dieser Satz ist zu verstehen im Sinne von „Der Stachel ist Deine Gnade!“

Oft wird eine Bekehrung von Heiligen dargestellt, als hätten sie bis dahin das Leben in allen Bereichen im Übermaß genossen, dann aber konsequent als Heilige gelebt. Auch nach der Bekehrung waren sie wie Paulus der Vergebung bedürftig.

„Wolle die Wandlung!“ Wir sollen uns wandeln, uns bekehren. Aber was soll da geschehen? Dazu gibt uns die heutige 2. Lesung gute Hinweise: Paulus stellt den Leib dar als eine Einheit aus vielen Gliedern. Die Einheit gelingt nur, wenn alle Glieder sich einordnen. Was Paulus vom Leib sagt, gilt für den ganzen Menschen. In uns gibt es viele Strebungen, die widersprüchlich sind und gegeneinander kämpfen.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) spricht im Faust von den zwei Seelen in seiner Brust.

Als Junge habe ich mir vorgestellt, auf meiner rechten Schulter säße ein Engelchen und flüsterte mir etwas ins Ohr und auf der linken ein Teufelchen, dessen Geflüster viel interessanter war.

Jahwe sagt zu Abraham: „Wandle vor mir und sei ganz!“ (Gen 17,1) Sei vollständig! Nimm alles an, was zu Dir gehört, und laß dich wandeln!

Bekehrung heißt also nicht, etwas in sich zu töten, so wurde mir der heilige Georg vorgestellt, sondern vielmehr, es zu zähmen, damit es nicht mehr rebelliert. Das zu erreichen, ist kein einfacher Weg. Am Ende sollen wir so werden, wie Gott uns gedacht hat.

„Wolle die Wandlung!“ Begeben wir uns ganz hinein in den Prozeß der Wandlung in der heiligen Messe! Mögen wir in der Kommunion das Ergebnis der Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut des Herrn empfangen, damit wir gewandelt werden in wahre Kinder Gottes.

Zur Erheiterung und Anregung zum Nachdenken ein „Döneken“ aus dem Leben von Tünnes und Schäl:
Tünnes stellt Schäl seine Frau vor: „Ist die nicht schön?“ Schäl: „Nein, die ist potthäßlich.“ Tünnes: „Die hat aber innere Werte.“ Schäl: „Dann laß sie wenden ...“

Möge uns selbst eine innere Wandlung gelingen!