5. Fastensonntag im Jahreskreis C (7.4.2019)

„Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8,11)

Schriftlesungen:
Erste Lesung: Jes 43,16-21
Zweite Lesung: Phil 3,8-14
Evangelium: Joh 8,1-11

Christus und die Ehebrecherin, von Guercino, 1621

Das heutige Evangelium gehört vermutlich nicht zum ursprünglichen Bestand des Johannesevangeliums, in vielen alten Handschriften fehlt es sogar. Es ist eher der Tradition des Lukas zuzuordnen.

Ein weiterer Aspekt für diese Vermutung ist in der Strenge der Urkirche in Bezug auf Sünden im geschlechtlichen Bereich zu sehen. Da paßt die Milde, mit der Jesus der Ehebrecherin begegnet, nicht ins Konzept. Strenge und Unnachgiebigkeit wären angesagt.

Im sogenannten „Jone“[1], aus dem meine Generation noch Moraltheologie gelernt hat, umfaßt die Behandlung des sechsten Gebotes mehr Seiten als die aller anderen Gebote zusammen, und es gibt in diesem Bereich nur schwere Sünden.

Aber Jesus ist nicht nur Richter, sondern auch Arzt. Wenn er sagt: „Ich verurteile dich nicht!“, dann meint er nicht: „Das war nicht schlimm!“, sondern: „Sei gesund!“

Jesus, der die Herzen erforscht, fragte die Frau und sprach zu ihr: „Hat dich keiner verurteilt?“ Sie antwortete: „Keiner, Herr.“ Da sagte Jesus zu ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Die Alten begreifen zuerst, was Jesus sagt. Sie kennen das Leben und die Möglichkeiten zu scheitern am besten. Sie sind nicht ohne Sünde, und wer im Glashaus der Sünde sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Die Jüngeren verhalten sich zögerlicher; Selbstgerechtigkeit macht blind für eigene Schuld. Vielleicht stimmt sie nur das Verhalten der Alten um.

Kleine Anekdote: Es fliegt ein Stein – Jesus dreht sich um und ruft: „Mutter, du störst!“

Menschen machen Fehler. Jesu Begegnung mit der Ehebrecherin eröffnet einen Weg, mit Gescheiterten umzugehen. Er wirft die Doppelmoral der Steinewerfer diesen direkt ins Gesicht zurück. Er schreibt mit den Fingern in den Sand, immer und immer wieder. Was hat er geschrieben? Das mögliche Urteil? Die Bibelstelle, die das Strafmaß regelt?

Mitnichten! Im Buch Jeremia heißt es: „Du Hoffnung Israels, Herr! Alle, die dich verlassen, werden zuschanden, die sich von dir abwenden, werden in den Staub geschrieben, denn sie haben den Herrn verlassen, den Quell lebendigen Wassers.“ (Jer 17,13)

Beachtenswert ist die genaue Vorgehensweise Jesu. Von Sünde und Schuld der Frau ist erst sehr spät die Rede. Den Höhepunkt des Evangeliums stellt nicht ein blutiges Szenario dar, sondern zwei Aussagen Jesu sind entscheidend: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie!“, und: „Auch ich verurteile dich nicht.“

Beide Sätze haben bei den Hörern vermutlich dieselbe Reaktion hervorgerufen, und zwar Fassungslosigkeit, zuerst bei den Steinewerfern und dann bei der Frau. Jesus geht es im Grunde um zwei Dinge. Er legt die wirklichen Strukturen des Bösen offen, nämlich die Doppelmoral einer Männerwelt, in der nur Frauen die Ehe brechen können.

Die Herren der Schöpfung bleiben unerleuchtet; so können sie auch besser nach den Steinen greifen. Jesus zeigt den einzigen Weg, der weiterführt und für die Frau Leben ermöglicht. Vergebung und Barmherzigkeit gelten auch für sie; denn kein Mensch kann ohne Vergebung und Barmherzigkeit leben. Niemand hat das Recht, Steine zu werfen.

Die sonst übliche Reihenfolge wird umgekehrt. Es erfolgt nicht zuerst die Standpauke mit Angabe der genauen Paragraphen des Mose-Gesetzes und dann – eventuell und gnädig – Vergebung, sondern an erster und einziger Stelle stehen Vergebung und Barmherzigkeit: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von nun an nicht mehr!“

Diese Aufgabe zu erfüllen ist nun leicht; denn wer den Steinewerfern entronnen ist und wieder leben darf, wird sich ändern, kann neu anfangen. Und die anderen, die Steine werfen wollten? Auch sie haben zumindest die Chance sich zu ändern.

Diese neue Prioritätenliste Jesu galt nicht nur dieses eine Mal. Sie hat Gültigkeit bis in unsere Gegenwart hinein. Das Vorbild Jesu in der Geschichte von der Ehebrecherin ist für die christliche Gemeinde konstitutiv, ja sogar zwingend vorgeschrieben.

An einem solchen Umgang miteinander sollen andere Menschen die Christengemeinden erkennen. In einer alten syrischen Kirchenordnung heißt es: „Wenn du aber den Reuigen nicht aufnimmst, weil du unbarmherzig bist, so sündigst du wider Gott den Herrn, weil du unserem Heiland und Gott nicht gehorchst, zu tun, wie auch er getan hat an jener Sünderin, die die Ältesten vor ihn hinstellten und, indem sie ihm das Gericht überließen, davongingen.“

Wir sind heute wieder in einer ähnlichen Situation: Nach der Prüderie vergangener Zeiten kam die sogenannte Sexuelle Revolution. Aber auch diese hat das Glück nicht gebracht, ganz im Gegenteil. Viele Menschen fühlen sich geplagt von sexuellem Streß, der sich bis in die Ehen auswirkt.

Wenn die Grundtriebe unkontrolliert befriedigt werden, führen sie in den Tod: Besitz- und Geltungsgier führen zur Rüstungsspirale und zum Krieg, Geschlechtsgier kann zu AIDS und anderen Krankheiten führen. Nun will das Pendel wieder ins Gegenteil ausschlagen. Statt der Geschlechtlichkeit den rechten Stellenwert zu geben, wird sie wieder verteufelt. Sogar Bischöfe lassen sich hinreißen zu der Aussage, AIDS sei eine Strafe Gottes, und Homosexuelle werden wieder diskriminiert.

Aber es geht hier nicht nur um die Geschlechtlichkeit außerhalb und innerhalb der Ehe, sondern vielmehr um das Verhalten Jesu. Er erweist sich mehr als Arzt denn als Richter.

In der Westkirche hat sich mit dem Bußsakrament vor allem der richterliche Aspekt des Beichtpriesters herausgebildet. Deswegen wird auch so viel Wert gelegt auf ein vollständiges Bekenntnis. Die Buße wird dann als Wiedergutmachung verstanden. Die Ostkirche sieht in der Sünde mehr eine Krankheit. Dafür gibt es ein Medikament, die Beichte. Der Beichtpriester ist dann der Arzt und die Buße ein Zeichen für die Erneuerungsbereitschaft.

Das neue Kirchenrecht von 1983 hat diesen Gedanken aufgegriffen und spricht nun beim Beichtpriester vom Richter und vom Arzt. Gott ist nicht nur der allmächtige Herr und Richter, er ist auch der barmherzige Vater und Arzt (Heiland) der Menschen. Das will er in Jesus zeigen.

Jesus wühlt nicht in den Sünden der Frau herum, er prangert sie auch nicht an, sondern ist selbst verlegen, schreibt in den Sand und bringt auch die Umstehenden in Verlegenheit. Wer weiß schon, warum die Frau Ehebruch beging, warum sie nicht in geordneter Beziehung leben konnte? Die Begegnung mit Jesus mag sie geheilt haben, wie es auch viele andere Menschen erfahren haben. Trauen auch wir Jesus diese Fähigkeit zu?

Im Verhalten der Umstehenden bewahrheitet sich die Feststellung: „Was mich ärgert, hat mit mir zu tun.“ Sie hatten sich schon auf die Steinigung gefreut. Es geht ihnen aber nicht nur um die Erfüllung des Gesetzes. Unbewußt wollen sie ihren eigenen Trieb steinigen. Jesus stellt sie bloß mit seiner Aufforderung: „Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ Nachdem sich zuerst die Ältesten entfernt haben, erlauben sich auch die Jüngeren zu gehen. Am Ende steht Jesus mit der Frau alleine.

Auch wir stehen hier vor Jesus; er möchte uns ebenfalls heil machen. Er ist barmherzig mit uns, seien wir es also nicht nur mit anderen, sondern auch mit uns selbst. Vielleicht erkennen wir, daß wir unsere Triebe nicht töten müssen, sondern nur zähmen. Dazu schenkt Jesus uns seine heilende Gnade.

[1] Jone, Heribert: Katholische Moraltheologie. Unter besonderer Berücksichtigung des „Codex Iuris Canonici“ sowie des deutschen, österreichischen und schweizerischen Rechtes, Pader­born 91937

Heribert Jone:

Jone

 

Kirsten Westhues:

Ich bin schnell in meinem Urteil.

Ja. Nein. Gut. Schlecht.Schwarz. Weiß.

So einfach ist das.

Es reicht ein Blick. Dann fällt es.

Schnell und hart.

Das Urteil.

Guillotinenhaft.

 

„Die spinnt doch.“

„Der hat sie doch nicht mehr alle.“

„Meine Güte, wie kann man denn

so dämlich sein.“

 

Jesus malt in den Sand.

Warum, das habe ich nie verstanden.

Jetzt weiß ich’s:

-

Er verordnet allen Scharfrichtern und

Schnellurteilern eine Denkpause.

 

„Wer von euch ohne Sünde ist,

der werfe den ersten Stein.“

Abwarten.

Nachdenken.

An die eigene Nase packen.

Klappe halten.

 

Ich will in den Sand malen,

bevor mein Urteil fällt.