5. Ostersonntag im Jahreskreis C (19.5.2019)

„Johannes sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Offb 21,1)

Schriftstellen:
Erste Lesung: Apg 14,21b-27
Zweite Lesung: Offb 21,1-5
Evangelium: Joh 13,31

„Wo lebst Du denn?“ Diese Frage haben Sie sicherlich schon einmal gehört, ebenso wie auch die Unterstellung: „Du lebst wohl hinterm Mond!“, obwohl wir ja inzwischen durch die Chinesen wissen, wie es dort aussieht. Als Lob hingegen ist folgende Feststellung zu verstehen: „Der oder die steht mit beiden Füßen auf der Erde!“

Ja, wir leben auf der Erde. Als aufrecht gehende Menschen sollten wir leben wie ein Baum: Verwurzelt in der Erde und ausgestreckt gen Himmel; denn wir leben zwar auf dieser Erde, gehören aber dem Himmel. Im Tod erschließt sich uns unsere wahre Heimat.

Aber es gibt auch ein Leben vor dem Tod, und das vollzieht sich auf dieser Erde. Doch in welch bedrohlicher Situation befindet sich diese derzeit? „Ach, lieber Gott, komm doch mal runter, und schau Dir die Bescherung an!“ Sehr viel von dieser Bescherung haben wir zugegebenermaßen selbst angerichtet. Wie sehr haben wir die Botschaft, uns die Erde untertan zu machen, doch mißverstanden. Wir beuten sie aus. Wie lange können wohl noch Menschen auf dieser Erde leben?

Aber auch mit Unseresgleichen gehen wir nicht gerade friedlich um, weder im Großen noch im Kleinen.

Bereits die Kinder müssen vor der Erstkommunion bekennen, sie hätten mit den Geschwistern oder Freunden gezankt. Dies ist in gewissem Maße sogar notwendig, damit sie auch lernen sich zu behaupten. Wer nur brav sein kann, scheitert in manchen Situationen. Seit Kain und Abel gibt es das Problem des Geschwister-Neides. Nur heute haben wir andere Waffen als lediglich eine Keule. Ist es da verwunderlich, daß sich die Menschen nach einer neuen Erde sehnen?

Johannes durfte in einer Vision so etwas sehen und einen neuen Himmel dazu, vielleicht so etwas wie den Himmel auf Erden. Ist das möglich?

Sicherlich nicht für immer; denn der Himmel ist Himmel und die Erde Erde. Der Himmel kann keine Erde sein und die Erde kein Himmel.

Aber Jesus hatte die Hoffnung, daß wir öfter etwas vom Himmel auf dieser Erde erleben könnten. „Ein neues Gebot gebe ich euch, liebet einander.“ (Joh. 13,34) Doch was ist daraus geworden?

Vielleicht haben wir Jesu Worte zu sehr als Anordnung verstanden. Sehen wir es doch einmal als Erlaubnis an: „Du darfst lieben und Dich lieben lassen.“ Aber dadurch wird es für viele noch schwerer.

Als Beispiel für Sünde wird die Geschichte vom verlorenen Sohn oder gütigen Vater erzählt. Mir gefällt eine Interpretation dieser Geschichte, die ich, wenn ich mich richtig erinnere, bei Rainer Maria Rilke gelesen habe: Der Sohn ist gegangen, weil er sich von seinem Vater nicht lieben lassen konnte.

Vielleicht besteht genau darin ein Teil unserer Schuld und gehen eben deswegen auch manche Beziehungen zu Ende.

Wir klagen häufig, zu wenig geliebt zu werden, aber nicht weniger oft kommt es vor, daß wir von der Liebe anderer erdrückt werden. Schon im Paradies versteckten sich die Menschen vor Gott, aber er sorgte dennoch für sie, indem er ihnen Felle gab, um ihre Nacktheit zu verhüllen.

Wer sich nicht selbst lieben und auch mit seinen Fehlern annehmen kann, ist auch nicht fähig, sich lieben zu lassen. Für einen solchen Menschen wird die Liebe des anderen immer Ersatz für die fehlende eigene Liebe sein.

Wer sich selbst liebt, kann auch Gott und den Nächsten lieben und sich selbst lieben lassen.

Das ist ein Ansatz, etwas von einer neuen Erde zu erfahren. Damit müßten wir Christen der Welt ein Zeichen geben. „Seht, wie sie einander lieben!“, sagte man von den ersten Christen.

Vermutlich war auch das mehr Ideal als Wirklichkeit. Aber doch muß etwas aufgefallen sein. Was fällt an uns heutigen Christen auf?

Seht, wie sie einander lieben?

Predigt in Billerbeck