6. Ostersonntag im Jahreskreis C – Das große Dazwischen (26.5.2019)

Der Beistand ist der Heilige Geist

Schriftstellen:
Erste Lesung: Apg 14,21b-27
Zweite Lesung: Offb 21,1-5
Evangelium: Joh 13,31

Alles hängt mit allem zusammen. Existiert dadurch aber auch ein INTER-esse all dessen untereinander und füreinander? Da wir mit dem gesamten Kosmos vernetzt sind, ist zu fragen, ob wir den Kosmos interessieren. Wer interessiert sich für uns, wer oder was interessiert uns?

Alle Lebewesen sind gehalten, sich mit ihresgleichen zu verständigen. Das Problem der Mitwelt beginnt bereits dort, wo Zellen Gesellschaften bilden, das heißt Gewebe bilden. Krebs zum Beispiel kann man als einen intrazellulär gestörten Dialog bezeichnen.

Das Geheimnis liegt im Dazwischen. Der Heilige Geist ist das Große Dazwischen.

Der Mensch ist in Gefahr, vorwiegend das Für-sich-sein und seine Individualität zu sehen, schlimmstenfalls als fensterlose Monade. Die Menschen werden dann nicht selten zu Subjekt und Objekt.

Für Martin Buber (1878-1965) wird dieses Dazwischen zum Kernstück seines dialogischen Ansatzes. „Jenseits des Subjektiven, diesseits des Objektiven auf dem schmalen Grat, darauf Ich und Du sich begegnen, ist das Reich des Zwischen.“

Ein wirkliches Gespräch vollzieht sich nicht in dem einen oder in dem anderen Teilnehmer, sondern zwischen beiden.

Wir formulieren: „Ich habe eine Beziehung.“ Diese kann ich aber nicht besitzen wie eine Sache, sondern sie entwickelt sich immer neu. Wenn es Störungen gibt, dann ist nicht der eine oder der andere Schuld, sondern die Beziehung ist krank.

Dieses Dazwischen ist nicht nur etwas von dieser Welt, sondern die verlängerten Linien der Beziehung schneiden sich in Gottes ewigem DU. Nicht der eine schenkt dem anderen etwas, sondern die Liebe ist zwischen Du und Ich und läßt etwas vom Ewigen und Unendlichen ahnen. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18, 10)

Dieses Dazwischen ist ein Ort des Miteinanders, es ist nie jemandes Land, sondern immer Niemandsland. Eigentlich ist es gar kein Ort; es existiert nur im Vollzug oder gar nicht.

Das Dazwischen ist kein bebauter Ort, sondern nur eine Schwelle. Diese hat aber nicht nur die Bedeutung eines Verbindungsgliedes, sondern sie allein eröffnet die Möglichkeit, Teil des Ganzen, das keiner allein erfahren kann, zu werden. Wenn Ich und Du gemeinsam daran teilnehmen, ist es erfahrbar.

Die lateinische Präposition „inter“ bringt gut zum Ausdruck, daß es darum geht, „innen, innerhalb, inmitten“ von allem, also „dazwischen“ zu sein. Im Griechischen drückt dies das Wort „μεταξύ – metaxy“ aus. Schon bei Platon (um 427 v. Chr. G.-348/347 v. Chr. G.) findet sich eine Lehre vom Metaxy: In seinem Symposion (Gastmahl) wird über den Charakter der Priesterin Diotima als „Dazwischen“ oder „Mittelweg“ gesprochen. Dieses Zwischen hat dort die Gestalt des Eros. Miteinander Lebende müssen miteinander sprechen, wenn sie miteinander handeln wollen.

Dem Doppelaspekt der Bedürftigkeit, bedürftig der Dinge und bedürftig der Mitmenschen, entspricht die Notwendigkeit des Versuchs der doppelten Verständigung: Sich verständigen „über etwas“ und „über sich“. Beides kann nur gelingen, wenn in der Einsicht oder im Erleben der wechselseitigen Bedürftigkeit beide versuchen, einander voneinander Teil zu geben und aneinander Teil zu nehmen. Nur so kann ein „Mit-ein-ander“ entstehen. Die Bedürftigkeit läßt sich weder individualistisch noch kollektivistisch überwinden. „Mit-ein-ander“ kann nur dort entstehen, wo über die „Zwischenleiblichkeit“ hinaus „Mit-ein-ander-sprechen“ als „Mit-ein-ander-teilen“ möglich ist.

„Zwischen“ hat im alltäglichen Sprachgebrauch auch andere Bedeutungen, eben die eines oft unwichtigeren Mittelstücks: „Vorspeise – Zwischengericht – Hauptgericht“, „Vorrunde – Zwischenrunde – Hauptrunde“, „zwischen Bier und Schaum“. Der „Zwischen-raum“ sollte aber auch des öfteren als Hauptsache gesehen werden.

Der Logos ist das Verbindende zwischen zwei existierenden Polen: Zwei Menschen haben sich etwas zu sagen, also gibt es Gründe, aufeinander zu hören; denn sie wollen zu einem gemeinsamen Interesse finden. Ein Dialog schließt so das Einverständnis ein, daß es sich lohnt, den anderen in seiner Fremdheit kennenzulernen, um ihn zu verstehen.

Wie wertvoll ist es, wenn sich verwirklicht, was Friedrich Höl­derlin (1770-1843) in die Worte fast: „Seit ein Gespräch wir sind / Und hören können voneinander.“