6. Sonntag im Jahreskreis C – Selig und Wehe (17.2.2019)

Schriftlesungen:
Erste Lesung: Jer 17,5-8
Zweite Lesung: 1 Kor 15,12.16-20
Evangelium: Lk 6,17,20-26

Selig die Armen im Geiste, Kirchenfenster in Trittenheim an der Mosel, St. Clemens
Wikimedia Commons / Author: Norbert Schnitzler / CC-BY 3.0

Warum preist Jesus die Armen selig? Überhaupt scheinen im heutigen Evangelium die Werte umgedreht zu sein. Das wird erst recht deutlich durch die Weherufe, die uns aufhorchen lassen; denn der Evangelist Matthäus, dessen Seligpreisungen uns geläufiger sind, verzichtet auf diese Rufe. Was ist schlecht daran, reich zu sein, satt zu sein, zu lachen und gelobt zu werden?

Bei Reichtum und Armut geht es nicht nur um materielle Dinge. Unser ganzes Leben kommt in den Blick. So umfaßt auch Armut alle Lebensbereiche, das körperliche und seelische, das soziale Leben, Gegenwart und Zukunft.

Wo ich nicht Herr über mich selbst sein kann, weil äußere oder/und innere Mächte meine Möglichkeiten und meine Freiheit zu sinnerfülltem und solidarischem Leben in Beziehung beschneiden, bin ich arm.

Jesus sucht gerade im Lukasevangelium diese Menschen immer wieder auf und läßt ihre Leiden und Mühen ganz nah an sich heran. Auf diese Weise macht er es möglich, daß die Armen, die unter Hunger, Trauer, Krankheit, Heimatlosigkeit oder Schuld leiden, ihren Schmerz nicht verschließen müssen.

In der Beziehung zu ihm sind sie gefeit vor der Gefahr, dieser Wunde ihres Lebens zu entfliehen und sie mit allerlei Reichtum anderer Art zu verdecken oder zu verkleiden. Denn in dieser Gefahr befindet sich derjenige, der seine Armut noch nicht angeschaut und den Schmerz darüber noch nicht durchlitten hat. Er braucht Reichtümer, die ihn ablenken, ihm Ersatz schaffen für die tiefe Lebenskränkung durch die Armut. Seine Lebensweise stützt sich auf das „Vermögen“. „Wehe euch, ihr Reichen“, ruft Jesus seinen Hörern zu, weil er mit hellsichtiger Anteilnahme die Vergeblichkeit solcher Selbsttröstung durchschaut. Solches Vermögen muß nicht nur der ersehnte Lottogewinn sein. Es kann ebensogut ein angehäuftes Wissen, ein verbissen erkämpfter Einfluß, ein Vertrauen auf jugendliche Schönheit und Kraft oder ein überhebliches Lachen auf dem Rücken der Armen sein.

Wovon werden wir Reichen uns trösten lassen, wenn uns diese Sicherheiten durch die Finger geronnen sind und wir zu spät erkennen, daß die Reichtümer wahren Lebens jene sind, die wir verschenken und die uns in Liebe und Solidarität geschenkt werden?

Mit seinem Zuruf: „Selig, ihr Armen; denn euch gehört das Reich Gottes!“, fordert Jesus uns auf, nicht vor der eigenen Armut zu fliehen und sie mit eigener „Habe“ zu verdecken. Selig sind die Armen nicht, weil es schön und erstrebenswert wäre, arm zu sein. Armut, Mangel und Tränen sind als solche keine Kennzeichen der Herrschaft Gottes oder seines Schöpferwillens.

Selig sind die Armen, weil Gott mit seiner ganzen Leidenschaft und Zuwendung mit den Armen so solidarisch ist, wie er es uns in Jesus gezeigt hat. Er möchte mit seiner Macht, die uns nicht entfremdet oder klein macht, genau jene Stelle in uns besetzen, an der wir uns anderen, fremden Mächten von innen und außen ausgesetzt sehen. Dort aber, wo er herrscht, entsteht eine schon in der Gegenwart wirksame Hoffnung auf eine veränderte Zukunft.

Wir erleben die Wirkmächtigkeit dieser Zusage in jenen Menschen, die frei zur Solidarität und zum Kampf gegen die Armut geworden sind. Menschen, die auch das wenige, das sie haben, miteinander teilen und die frei geworden sind von der Angst, von anderen Menschen aufgerieben zu werden. Es ist die Macht der Ohnmächtigen im passiven Widerstand, die Macht der Liebe, die Beziehung schafft und so ein soziales Leben trägt.

Ich selbst kenne lebenbeeinträchtigende Formen der Armut, in denen ich nicht Herr über mich selbst bin und meine Freiheit zu solidarischen, bejahenden Beziehungen eingeschränkt ist. Ebenso erfahre ich Situationen des Befreitseins, in denen ich die ängstliche und sichere Sorge um mich selbst loslassen kann. Diese vermitteln eine Ahnung von Seligkeit.