Allerheiligen im Jahreskreis B (1.11.2019)

Ein Heiliger ist ein Sünder, der immer wieder neu anfängt

Schriftstellen:
Erste Lesung: Offb 7,2-4.9-24
Zweite Lesung: 1 Joh 3,1-3
Evangelium: Mt 5,1-12a

„Allerheiligen“ heißt der heutige Tag, weil wir an alle Verstorbenen denken, die nicht offiziell von der Kirche selig- oder heiliggeprochen sind. Während man bei Papst Johannes Paul II. in Bezug auf seine Heilig- und Seligsprechungen leicht den Überblick verlor, hat Papst Franziskus uns ein Apostolisches Schreiben geschenkt mit dem Titel: „Gaudete et Exsultate“ – ÜBER DEN RUF ZUR HEILIGKEIT IN DER WELT VON HEUTE. Demnach ist jeder zur Heiligkeit berufen. Man muß kein moralischer Supermensch sein, sondern jeder kann völlig unabhängig von Beruf und Familienstand ein Heiliger sein. Aber wo sind die Heiligen im Alltag?

Es schreckt ab, wenn man an die kitschigen Darstellungen der Heiligen denkt. Karl Leisner war erstaunt, wie Franz Schmäing, der damalige Direktor des Collegium Borromaeum in Münster, den hl. Aloisius dargestellt hat:

„Wohl kein Heiliger kann sich so über seine Bio­gra­phen beklagen wie gerade er. Aus einem willens­mächtigen und selbst­strengen jun­gen Mann wurde eine unnatürliche, kitschige Heiligenge­stalt. Daß er manch­­mal sogar seine Mutter nicht einmal angeschaut habe, ist aus der losen und gemeinen Mode der Weltdamen von damals zu erklä­ren ( Gemäl­de­­gale­rien!). Diese ganz stramme und willensgespannte Selbst­zucht wollen wir von ihm lernen.“

Auch der kleinen heiligen Theresia vom Kinde Jesu wurde das Mißge­schick zuteil, daß ihre Oberen, die ihre leibli­chen Schwe­stern waren, ihre Aufzeichnungen verfälsch­ten. Ähnliches geschah Anne Frank, deren Tagebuch ihr eigener Vater durch Kürzungen veränderte.

Heilig- oder Seligsprechungen von Ehepaaren sind eher selten. Jungfrauen und Kleriker vom Bischof aufwärts haben eine Chance. Der Pfarrer von Ars hat es als Pfarrer geschafft und Karl Leisner als Neupriester.

„Wandle vor mir und sei ganz!“ (Gen 17,1), sagte Jahwe zu Abraham. Das könnte Gott auch denen, die wir als Heilige verehren, gesagt haben. Gemeint ist mit dem hebräischen Wort „tamim" weniger Rechtschaffenheit oder Untadeligkeit, wie die Einheitsübersetzungen der Heili­gen Schrift nahelegen, als vielmehr Vollstän­dig­keit, Ganz­sein. Ganz ist derjenige, der ungeteilt, nicht gespalten oder nicht zerrissen ist. Ganzsein bedeutet, mit sich einig, das heißt frei von Zwiespalt, zu sein. Die Forderung Jesu meint also nicht ein Entweder – Oder, sondern ein Sowohl – Als-auch. Voll­stän­digkeit beinhaltet die Polarität des Le­bens, die Tatsa­che, daß es das eine und das andere gibt.

Der Mensch neigt dazu, aus der Polarität seines Le­bens einen Pol auszuwählen und den anderen Pol abzu­spalten. Heilige sind ein Beispiel dafür, wie man die Pole in sich vereinen kann.

Parzival hatte, um Gralskönig zu werden, in allen Kämpfen einen Sieg errungen. Dann begegnete ihm sein Halb­bruder Feirefiz. Diesen konnte er nicht besiegen. So mußte er eine letzte Lektion lernen: Der Gral läßt sich nicht durch Be­zwingen der Feinde, sondern nur durch Versöhnung mit diesen erringen.

Dabei kann es sich um einen äußeren Feind handeln, aber auch um die dunkle Seite im Men­schen, die schwer anzuneh­men ist und mit der sich zu versöhnen nicht leicht ist.

Wer wie Parzival sein will, mußt sich mit dem Dunklen in seinem Innern aussöhnen, statt es auf an­dere zu projizieren und dort zu bekämpfen.

Am Tempel des Apoll in Delphi war in der Antike deut­lich und für alle sichtbar ein kurzer und markanter Spruch zu lesen: Γνῶθι σεαυτόν - Gnothi seauton - Erkenne dich selbst!

Selbsterkenntnis als tägliche Übung sollte die Basis sein für jedes sinn­volle Den­ken über Gott und die Welt.

Karl Leisner gab sich große Mühe, sich selbst zu erkennen. Oft zitierte er den griechi­schen Spruch in seinen Tagebüchern. Wie Parzival sich mit seinem dunklen Halbbruder, der ihm als Feind entge­gen­trat, ver­söhnte, so tat es Karl Leisner auf dem Sterbe­bett sozusa­gen in einem Schlußakkord mit all denen, die ihn ver­nichten wollten: „Segne auch, Höchster, meine Feinde!“, schrieb er als letzten Eintrag vor seinem Tod in sein Tagebuch. Parzival wurde Gralskönig,

Karl Leisner dürfen wir als Seligen verehren.

Es ist falsch, für seinen Schatten einen Sünden­bock zu suchen, der dann in die Wüste ge­schickt wird, ebenso ist es falsch, seine Sehnsucht nach Voll­kommen­heit auf die Heiligen zu projizieren. Sie können uns Ori­entierung geben, mit unseren Schwächen umzu­gehen, vollständig zu werden und den Kompaß unserer Sehn­sucht neu auszurichten.

„In jedem von uns steckt ein klei­ner Hitler und ein kleiner Gandhi.“ (Elisabeth Küb­ler-Ross) Wem geben wir die Chance, sich zu entwickeln?

„Wandle vor mir und sei ganz!“