Bußgottesdienst mit Zeichenhandlung

Die Perle – Durch Leid zum Heil!

Khalil Gibran:

Die Perle
Eine Auster sprach zu ihrer Nachbarin:
»Ich trage großen Schmerz in mir.
Schwer ist er und rund, und ich habe große Not.«
Die andere Auster antwortete mit überheblicher Selbstzufriedenheit:
»Gelobt sei der Himmel und das Meer, denn ich habe keine Schmerzen. Es geht mir gut, innen und außen.«
In diesem Augenblick kam ein Krebs vorbei und hörte die beiden Austern.
Daraufhin sagte er zu derjenigen, die innen und außen unversehrt war: »Ja, Dir geht es wohl gut; doch der Schmerz, den Deine Nachbarin in sich trägt, ist eine Perle von hinreißender Schönheit.«

Gebet:
Lasset uns beten:
Heiliger Gott, gütiger Vater, wir treten mit Vertrauen auf dein Erbarmen vor dich hin. Die Algen im Meer sind mühelos zu erreichen. Wer Perlen sucht, muß tiefer tauchen. So haben wir uns eingefunden, um ganz in unsere Tiefe zu steigen, um der Mitte unseres Lebens zu begegnen. Herr, erleuchte uns dazu mit deinem Heiligen Geist in dieser Stunde. Das bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Lied (GL  554):
3. Gloria sei dir gesungen
mit Menschen- und mit Engelzungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt;
wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude.
Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.

Zum Thema:
Sie halten eine Perle in Ihren Händen. Vielleicht haben Sie diese schon vor Beginn der Bußfeier betrachtet. Es mögen Gedanken aus vergangenen Zeiten hochgestiegen sein, Gedanken an ein Geschenk von lieber Hand und mit warmem Herzen oder Gedanken an den eigenen Schmuck als junges Mädchen. Bei allem können wir auch an die Perlen denken, die glitzernd klar vom Schmerz unserer Seele sprechen, an unsere Tränen, hier besonders an die Tränen der Reue über unser Versagen.

Lesung: Mt 13,44-46
Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Meditatives Orgelspiel

Besinnung
Wir kennen die Margerite, eine Blume, deren weiße Blütenblätter an Reinheit und Unschuld erinnern. Ihr Name ist entlehnt aus dem Französischen. Dort trägt die Blume den Namen „marguerite“, und dieser leitet sich ab von dem lateinischen Substantiv „margarita – Perle“. Dieses wiederum stammt aus dem Griechischen. Dort bedeutet das Wort „μαργαριτ - margarit“ für Perle soviel wie „vollkommene Reinheit“. Die Übertragung des Namens auf die Blume geht vermutlich auf das perlenartige Aussehen der Blütenköpfchen zurück. Welch passende Aussagen für eine Bußfeier.

Es gibt noch eine Fülle anderer Bezugspunkte, die uns zur Gewissenserforschung dienen können.

Die Perlenmuschel, meist ist es eine Auster, lebt am Meeresboden und nährt sich vom Plankton. Sie wird von der Meeresströmung hin- und hergerissen. Das Muscheltierchen denkt sein Lebtag nicht daran, durch ein widriges Ereignis wertvoll zu werden. Es bildet eine Perle, wenn von der Außenwelt ein Gegenstand in sein geschütztes Inneres eindringt und dort Beschwerden hervorruft. Durch Zufall gerät ein Fremdkörper, zum Beispiel ein Sandkorn, in die Muschel. Die Zellen der Muschel setzen sich sofort zur Wehr und umschließen den Fremdkörper mit Schichten aus Perlmutt. Dadurch wird der Schaden zwar behoben, doch der äußere Fremdkörper verursacht der Muschel Schmerzen, während die Perle in der Verborgenheit heranreift. Sie entstünde nicht, wenn die Muschel das, was von außen eindringt, nicht als ihrem Wesen fremd erlebte, wenn sie nicht unterschiede zwischen innen und außen.

  • Wie gehe ich mit Widrigkeiten und Widerständen in meinem Leben um?
  • Wie begegne ich dem mir Fremden,
  • ist es Gast oder Feind?

Sicherlich ist es richtig, daß der Schmerz manche Wege öffnet, die die Freude alleine nicht so leicht fände. In eine andere Umgebung gebracht, gilt die Perle dann kaum als Ausdruck des Schmerzes, sondern als wertvoller Besitz.

  • Wo habe ich erfahren, daß aus Schwerem Freudvolles erwächst?
  • Wann ist meine Schuld schon „zur felix culpa – zur glücklichen Schuld“ geworden?

Die Perle ist geboren aus dem durch den Fremdkörper verursachten Schmerz und wird so zum Bild für das Himmelreich (vgl. Mt 13,45-46). Sie ist der Schatz im Acker, und wo unser Schatz ist, da ist auch unser Herz (vgl. Lk 12,33-34).

  • Hat mein Herz schon die kostbare Perle gefunden?
  • Bin ich noch auf der Suche nach ihr?

Keine Perle gleicht der anderen. Ihre Qualität richtet sich nach Form, Größe, Farbe, Glanz, Lüster und Oberflächenbeschaffenheit. Mit jedem der fünf Qualitätsmerkmale steigt ihr Wert. Wo alle fünf Kriterien zur Zufriedenheit beurteilt werden, haben wir eine wertvolle und kostbare Perle vor uns. An solch eine seltene Perle mag Jesus im Evangelium denken. Den letzten Ausschlag gibt der Lüster. Will man ihn beurteilen,

sollte man die Schattenseite der Perle betrachten. Die Spiegelungen auf der direkt beleuchteten Seite sind nämlich etwas anderes als das scheinbar aus ihrem Inneren kommende Leuchten, das sich kaum in Wort fassen läßt.

  • Kann ich meinen inneren Wert in meinem Schatten erkennen?
  • Kann ich glauben, daß ich einmalig bin
  • und unendlich von Gott geliebt?

Das Eine im Vielen zu finden ist schwer (vgl. Maria und Martha Lk 10,38-42). Die Perlen, die wir im Vielen finden, bleiben vergänglich und öffnen Tore für neue Begierden. Den vergänglichen Perlen steht die kostbare gegenüber, sie gilt es herauszufinden.

  • Was ist das Eine für mich?

Die besondere Bedeutung der Perle liegt darin, daß sie sowohl vom Wasser als auch vom Mond geboren ist. Da sie aus der Muschel stammt, gehört sie zum Weiblichen. Sie ist geladen mit der Keimkraft des Wassers, in dem sie sich geformt hat, und teilt vom Mond geboren, Perlen gelten als Tränen des Mondgottes, mit diesem magische Kräfte und gehört so zum Schmuck der Frauen. Die Perle ist ein kosmologisches Zentrum, in dem sich Mond, Weib, Fruchtbarkeit und Gebären berühren.

Der sexuelle Symbolismus der Muschel teilt ihr die diesem innewohnende Macht mit. Die Muschel, der einst Venus entstieg, ist ein ausgesprochen weibliches Symbol. Die Ähnlichkeit der Perle mit dem Fötus verleiht ihr gewisse Eigenschaften bei Zeugung und Geburtshilfe. Auch bei Bestattungsbräuchen hat sie ihre Bedeutung: Sie bereitet dem Verstorbenen eine neue Geburt. Der Tote trennt sich nicht von den kosmischen Kräften, die sein Leben nährten und beherrschten. Aus all diesen Gründen diente die Perle früher der Magie und der Medizin und war Opfergabe an Flußgottheiten.

Heute hat sie nur mehr ästhetischen und ökonomischen Wert. Der symbolische Heiligkeitswert verweltlicht mehr und mehr.

  • Was lehrt mich die Perle über ihren ästhetischen und ökonomischen Wert hinaus?
  • Was für ein Symbol ist sie für mich?

In Indien benutzte man Perlen für magischen Zauber. Auf der Suche nach Erleuchtung hielten Priester eine „Talisman-Perle“ auf der flachen Hand. Dort und auch in Persien kannte man „Perlen der Liebe“. Alexander der Große wurde von seiner Braut Roxane mit unvorstellbar schönen Perlen beschenkt. Cleopatra löste zwei kostbare Perlen in Wein auf und reichte sie Mark Anton als Liebestrunk.

  • Welche magischen Reste leben in mir?

Die Muschel bildet um den Fremdkörper eine Perlmuttschicht. Bei diesen Schichten, die nur zwei Tausendstel Millimeter dick sind, handelt es sich um eine Vielzahl mikroskopisch kleiner Kristalle, die so übereinandergelagert sind, daß Lichtstrahlen ,die darauf fallen, vielfach reflektiert werden und in den Farben des Regenbogens aufleuchten. Wären die Kristalle zufällig und unregelmäßig angeordnet, blieben die Perlmuttschichten stumpf wie Kalk. Es weckt Erstaunen, daß die Substanz, die dieses kleine sphärische Wunderwerk aufbaut, ausgerechnet aus Kalk ist, einem Baustoff, nützlich und recht irdisch. Kalk wirkt saugend und begierig; es zischt und kocht, wenn er gelöscht wird. Seine Begierde scheint in der Perle gezähmt. Zwei Jahre braucht die Muschel, um die Perle hervorzubringen.

  • Wieviel Geduld habe ich mit mir?

Auf Grund dieser Verwandlung ist die Perle ein Symbol für die Kraft des Weltenschöpfers. Wir möchten mehr Perlen haben, als die Natur sie uns schenkt, und stellen sie künstlich her. Bei Zuchtperlen wird der Fremdkörper von Menschenhand in Form eines Kerns eingesetzt. Den Rest erledigt die Natur. Sie sind Juwelen des Meeres und Ergebnis des gemeinsamen Strebens von Natur und Mensch.

  • Wo arbeite ich an meiner Natur mit?
  • Wo veredle ich meine Veranlagung?

Während Edelsteine gesäubert und poliert werden müssen, haben Perlen ihren warmen Schimmer von Natur aus. Perlen lenken die Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst, sondern auf diejenigen, die sie als Schmuck tragen. Perlen verlieren an Glanz und Tiefe, wenn man ihnen zu lange Licht und Körperwärme vorenthält. Schweiß ist der Rost der Perle.

  • Wie behandle ich meine Perlen?

Die gewöhnlichste Form der Verarbeitung von Perlen ist die Aneinanderreihung der einzelnen Elemente auf einer Schnur. Als Perlenkette sticht die natürliche Schönheit der Juwelen besonders hervor.

  • Welche Kette von leidgeprüften Tugenden gibt es bei mir?

Nach Matthäus sollen wir die Perlen nicht vor die Schweine werfen (vgl. Mt 7,6).

  • Wie gehe ich mit meinen Perlen um?

Im Christentum ist die Perle sowohl ein Zeichen für Jesus Christus als auch für die Menschenseele. Letztlich bedeutet sie das Mysterium des sinnlich wahrnehmbar gewordenen Jenseitigen: Offenbarung Gottes im Jenseitigen.

  • Welche Hoffnung habe ich für die Zukunft?

Meditatives Orgelspiel

Geschichte
Tief im Meer lag eine Muschel. Sie hatte ihre Schalen geöffnet und ließ das Wasser genießerisch über ihre Zunge fließen. Plötzlich spürte sie etwas Hartes, Spitzes. Ein kleiner Stein hatte sich in ihr festgesetzt. Sie streckte ihren Muskel, um den Eindringling loszuwerden. Umsonst! Der lästige Stein blieb. Langsam bildete sich um ihn herum eine Perlmuttschicht. Nach vielen Jahren war aus dem Stein eine Perle geworden. Was einmal lästig und schmerzlich war, hatte sich in etwas Kostbares verwandelt.

Zeichenhandlung
Was ist von all dem, was uns in diesen Minuten durch Kopf und Herz geht, an der Perle, die wir in Händen halten, zu erkennen? Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade. Unsere Schuld kann zur „felix culpa“ werden, zur kostbaren Perle. Halten wir ein wenig Stille und betrachten noch einmal die Perle. Lassen wir uns wie der einfache Kalk in Perlmutt verwandeln, um als Perle zu leuchten und zu glänzen.

Meditatives Orgelspiel

Vergebungsbitte
Die Perle in unseren Händen ist durch unsere Gedanken und die Bußfeier zu einer besonderen geworden. Wir können sie zu Hause sichtbar hinlegen. Vielleicht wird sie zum Mittelpunkt einer selbstgefertigten Perlenkette oder erinnert uns immer neu daran, daß Leid zum Heil führen kann, oder lenkt unseren Blick auf die Zukunft.
Zwölf Perlentore, so berichtet die geheime Offenbarung des Johannes, führen in die goldene Stadt, das himmlische Jerusalem. Gott möge uns den Weg in diese Zukunft neu eröffnen. Wenn wir zum Abschluß eine Strophe von einem Adventslied singen, dann soll uns bewußt werden, daß Advent und Weihnachten, österliche Bußzeit und Ostern unsere Erwartung auf das himmlische Jerusalem zum Inhalt haben.

Da Gottes Liebe keine Grenzen kennt und er unseren Willen zur Umkehr sieht, erbarme er sich unser. Der allmächtige und barmherzige Gott lasse uns die Sünden nach und führe uns ins ewige Leben. Amen.
Gehet hin in Frieden!

Schlußlied (GL 357):

Wie schön leuchtet der Morgenstern
2) Du meine Perl, du werte Kron, wahr’ Gottes und Marien Sohn, ein König hochgeboren!
Mein Kleinod du, mein Preis und Ruhm, dein ewig Evangelium, das hab ich mir erkoren.
Herr, dich such ich. Hosianna. Himmlisch Manna, das wir essen, deiner kann ich nicht vergessen.

3) Gieß sehr tief in mein Herz hinein, du leuchtend Kleinod, edler Stein, die Flamme deiner Liebe
und gib, dass ich an deinem Leib, dem auserwählten Weinstock, bleib ein Zweig in frischem Triebe.
Nach dir steht mir mein Gemüte, ewge Güte, bis es findet dich, des Liebe mich entzündet.