Christi Himmelfahrt im Jahreskreis C (30.5.2029)

Schriftstellen:
Erste Lesung: Apg 1,1-11
Zweite Lesung: Eph 1,17-23
Evangelium: Lk 24,46-53

Wissen Sie es schon? Christ ist erstanden und aufgefahren in den Himmel! Glauben Sie es auch?

Vor 2000 Jahren lebten die Menschen noch in und mit einem anderen Weltbild. Wie die sich Himmelfahrt vorstellten, haben wir in der Lesung gehört. Der Himmel war oben und die Hölle irgendwo unten. Bilder von dem Ereignis der Himmelfahrt zeigen Jesus, wie er in den Wolken verschwindet und nur noch seine Beine und Füße zu sehen sind.

Vor vielen Jahren war der damalige Chef der Sowjetunion Leonid Breschnew (1906-1982) an einem solchen Fest wie heute in Deutschland zu Besuch. Als der Dolmetscher unsere Bezeichnung für das heutige Fest übersetzen mußte, machte er daraus „Tag der Luftfahrt“.

Fragen wir uns, ob nicht tief in uns auch Assoziationen mit Weltraumfahrt und Aufstieg in den Himmel über den Sternen verbunden sind. Etwas höher also als in den „siebten Himmel der Liebe“. Die ersten Weltraumfahrer haben sich so geäußert: Gott hätten sie dort oben jedenfalls nicht gesehen.

Was kommt nach dem Tod? Für Jesus kam nach drei Tagen die Auferstehung und nach 40 Tagen, in denen er seinen Jüngern des öfteren erschien, bei der letzten Erscheinung die Himmelfahrt.

Heute soll uns nicht die Frage beschäftigen, ob er uns dadurch entrückt ist oder nicht viel näher ist durch seinen Heiligen Geist, um dessen Kommen wir in der Pfingstnovene ab heute inständig beten. Beschäftigen soll uns die Frage, was mit uns im Sterben und im Tod geschieht.

Für mich ist das Sterben eine Verwandlung und der Tod nur eine besondere Form des Lebens. Können wir das glauben?

Wenn Gott das Leben ist und alles, was nicht er ist, aber von ihm stammt, dann ist alles Leben, alles vom Leben beseelt, auch das, was wir tot nennen, zum Beispiel die Steine.

Wie aber sollten wir glauben, daß alles lebt? Wir glauben ja noch nicht einmal, daß die Bank, auf der wir sitzen, nicht fest ist. Daß der Raum um uns herum es nicht ist. Die Physiker sagen es uns: Es gibt nichts Festes, alles ist Schwingung. Das für unteilbar gehaltene Atom ist ein Mikrokosmos, in dem alles schwingt. Wie sollten wir glauben, daß das Leben ist, was wir tot nennen?

Es ist beschämend für uns Theologen, wie gläubig Naturwissenschaftler sein können. Günter Ewald (1929-2015), Professor für Mathematik, hat ein kleines Büchlein geschrieben: „Gibt es ein Jenseits? – Auferstehungsglaube und Naturwissenschaft“. Es ist faszinierend, wie er wissenschaftlich aufweist, daß es eine Wirklichkeit hinter unserer Wirklichkeit geben muß. Er behauptet: Ein erweitertes Naturverständnis, in dem jedes menschliche Individuum fortbesteht, ist im Rahmen naturwissenschaftlichen Denkens möglich und sinnvoll. Er untersucht die Erlebnisse in Todesnähe aus der Sicht eines Naturwissenschaftlers.

Die biologische Evolution hat im Menschen ihr Ziel erreicht. Jeder einzelne Mensch ist ein Frucht am Baum der Evolution, die im Tod vom Baum fällt, aber im erweiterten Kosmos bestehen bleibt. Der erweitert gedachten Natur gehen ihre Toten nicht verloren. Wir Menschen werden im biologischen Tod nicht ins Nichts fallen.

Ich für mich habe aufgegeben, mir den Himmel zu konkret vorzustellen. Für mich ist eine wichtige Erfahrung dieses Erdenlebens, daß es eine Polarität gibt, die manchmal schwer auszuhalten ist. Wir sind geneigt, nur einen Pol zu akzeptieren. Leben ist Spannung. Himmel ist für mich Entspannung, der Zusammenfall der Gegensätze, wie Nikolaus von Kues (1401-1464), es formuliert hat: Coincidentia oppositorum.

Wir sollen pontifex oppositorum sein. Das könnte ein wenig Himmel auf Erden erleben lassen. Das führt zur Toleranz. Ich bin nie das Ganze und lasse das andere gelten.