Das Enneagramm

(ennea = neun; gramma = Punkt, Buchstabe)

Es gibt einen 1989 in München gegründeten christlichen Verein ÖAE = Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. Dieser „sieht seine besondere Aufgabe darin, eine verantwortliche und hilfreiche Arbeit mit dem Enneagramm auf christlicher Grundlage zu fördern und zu vertiefen. Unter den über 500 Mitgliedern des ÖAE gibt es einen hohen Anteil von spirituell, therapeutisch oder sozial qualifizierten Mitgliedern.“

Bei der Suche nach den Wurzeln des Enneagramms stellt sich die Frage, ob das Wissen um dessen Entstehung Geschichte oder Legende ist. Vielleicht hat es bei den Sufis, den islamischen Mystikern, seinen Ursprung als Methode der Seelenführung auf dem inneren Weg, vielleicht aber liegt er auch schon 2000 bis 4000 Jahre zurück. Es herrscht eine streng mündliche Tradition; das Enneagramm ist eingebettet in eine Begleitbeziehung auf einem spirituellen Weg und wird sozusagen maßgeschneidert vom Meister an den Schüler weitergegeben, ein Wirken, das ein Buch nicht leisten kann.

George Gurdjieff (1866-1949), esoterisch orientiert, soll etwa 1909 das Enneagramm in seiner heute gebräuchlichen Form als erster in den Westen gebracht haben; doch erst durch Oscar Ichazo (* 1931), psychologisch orientiert, wurde die Kenntnis dieses Systems der Persönlichkeitsbeschreibung in den USA populär. In Deutschland wurde es 1989 durch das Buch „Das Enneagramm, Die Neun Gesichter der Seele“ von Richard Rohr (* 1943) und Andreas Ebert (* 1952) bekannt. Eine christlich orientierte Linie weiß sich den Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola (1491-1556) verpflichtet. Um 1970 gibt es erste Aufzeichnungen zu dem System. 1974 erscheint das Buch „Enneagramm Studies“ von John Godolphin Bennett (1897-1974) als erste Veröffentlichung zu dem Thema in England. Es geht um die Grundfrage „Was bist du für ein Mensch?“ „Warum scheitern die Menschen bei der Suche nach Gott?“

Es besteht eine Spannung zwischen der Aussage von Psalm 139,1: „Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich“, und der Aufforderung auf einer Säule am Apollotempel in Delphi: „Erkenne dich selbst!“ Diese Spannung löst sich, wenn ich mich im Spiegelbild eines anderen zum Beispiel nach der Weisheit „Was mich ärgert, hat mit mir zu tun“ betrachte.

Beim Enneagramm handelt es sich um eine Landkarte für das Studium der vielfältigen Art und Weise, in der wir Menschen der Erbsünde und damit der Verirrung auf dem Weg der Entfaltung des Menschlichen unterworfen sind.

Es ist ein Beispiel für eine Persönlichkeits- und Typenlehre. Trotz aller Individualität gibt es bestimmte Menschengruppen, die gemeinsame Eigenschaften aufweisen. Es geht um eine Beschreibung von 9 Persönlichkeitsgestalten und von 9 Lebensenergien. Jede Persönlichkeitsgestalt wird mit einer Zahl benannt. Sie sind mit den Archetypen zu vergleichen oder mit den 12 Tierkreiszeichen.

Es handelt sich um 9 grundlegende Charakterfixierungen. Auf dem Weg zu mehr Bewußtsein treffen wir immer wieder auf Spiegel, die uns reflektieren und uns somit die Möglichkeit der Selbsterfahrung bieten. Es geht um ein Aufzeigen von Entwicklungslinien. Das Enneagramm ist ein solcher Spiegel. Sein Ziel besteht darin, das Festhalten an unbewußten Strukturen zu lockern, wodurch die für eine Weiterentwicklung notwendige Energie freigesetzt wird.

Die 9 Punkte werden im Kreis angelegt; die Verbindungen ergeben ein gleichschenkliges Dreieck und ein Hexagramm (1:3=0,333; 1:7=0,142857142 <periodische Sequenz beim Teiler einer Zahl durch 7>). Es entsteht eine bildreiche Landkarte der Seele, die dem Bedürfnis des Menschen nach Orientierung entgegenkommt.

Der Vorteil der Zahlen ist ihre Wertneutralität; denn die numerische Reihenfolge hat keine Bedeutung. Jeder Typ hat seine Stärken und Schwächen. Beide sollten akzeptiert werden, obwohl man zum Beispiel in den Kirchen lieber angepaßte Typen als rebellische sieht.

Der Schaden für unsere Begabung liegt darin, daß wir sie, weil wir zu sehr auf sie fixiert sind, vereinseitigen. So können unsere Gaben zu unseren Sünden werden; beide sind zwei Seiten derselben Medaille.

Ein Elektron ist Teilchen oder Welle, je nach dem Standpunkt des Beobachters. Theoretisch können wir uns so oder so betrachten.

Manche Autoren geben den Nummern Namen:

Eli Jaxon-Bear (* 1947):

  1. Herrscher
  2. göttliche Mutter
  3. Magier
  4. Künstler
  5. mystischer Philosoph
  6. Held
  7. magisches Kind
  8. Krieger
  9. Heiliger

Richard Riso (1946-2012):

  1. Reformer
  2. Helfer
  3. Statusmensch
  4. Künstler
  5. Denker
  6. Loyaler
  7. Vielseitiger
  8. Führer
  9. Friedliebender

Diese Gestalten werden jeweils dem Bereich (Gefühl, Handeln, Beziehungen) zugeordnet, in dem die meisten Schwierigkeiten des Menschen liegen.

Es gibt andere Typologien, wie zum Beispiel die antike Temperamentenlehre; Hippokrates führt sie auf 4 Körpersäfte zurück: gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim.

Choleriker (griech. chole = Galle):                    affektstarker Typ
Melancholiker (griech. Schwarzgalligkeit):     affektarmer Typ
Sanguiniker (lat. sanguis = Blut):                leichtbeweglicher Typ
Phlegmatiker (griech. phlegma = Schleim):   schwerbeweglicher Typ

Es gibt die Körpertypologien nach Ernst Kretschmer und Alexander Lowen.

Konstitutionstypen nach Ernst Kretschmer (1888-1964):
Leptosomer (Astheniker):
schlankgliedriger Schmalwuchs

Athletiker:
starker Knochenbau und kräftige Muskulatur

Pykniker:
Breitwuchs mit zartem Knochenbau, kurzen Gliedmaßen und Neigung zu Fettleibigkeit

Alexander Lowen (1910-2008):
Schizoide Struktur:
mangelndes Selbstgespür als mangelnde Identifizierung mit dem eigenen Körper, Tendenz zur Spaltung, Überempfindlichkeit, Vermeiden von gefühlsbetonten Beziehungen, Als-ob-Verhalten.

Orale Struktur:
Tendenz, sich anzuklammern, Oralität, die Liebe ist narzistisch und infantil, Mangel an Aggressivität, Gefühl der inneren Leere, Einsamkeit, die Welt ist ihm den Lebensunterhalt schuldig, Wechsel von Hochstimmung und Depression.

Masochistische Struktur:
Widerspruch zwischen außen und innen, Gejammer statt Selbstbehauptung, Sich Mühe geben, Mißtrauen und negative therapeutische Grundeinstellung: „Es wird dir nicht gelingen – du bist wertlos“, beständige Spannung und Druck, geschlagen zu werden.

Psychopathische Struktur:
Verleugnung der Gefühle, sie intensivieren alles in ihr eigenes Image, Bedürfnis zu kontrollieren und Angst, kontrolliert zu werden, immer die Oberhand haben, Wettstreit.

Rigide Struktur:
Möbel voller Schubladen ohne Kommunikation zueinander, Verführung-Widerstand-Unterwerfung, Stolz und tiefes Gefühl der Gekränktheit, Fisch im Goldfischglas, Somatisierung durch Ausdruck oder Lähmung, beziehungsweise Zuckungen bestimmter Körperteile, Spaltung von Sex und Zärtlichkeit.

Tiefenpsychologisch orientierte Typologien:

Sigmund Freud (1856-1939):
orale Struktur
anale Struktur
genitale/phallische Struktur

Carl Gustav Jung (1875-1961):
Fühlen
Denken
Empfinden
Intuieren
jeweils introvertiert oder extrovertiert

Fritz Riemann (1902-1979):
Die schizoide Persönlichkeit          Angst vor Nähe
Die depressive Persönlichkeit       Angst vor Distanz
Die zwanghafte Persönlichkeit      Angst vor Veränderung
Die hysterische Persönlichkeit      Angst vor Beständigkeit

Viele, vor allem die modernen Typologien, gehen von Krankheitsbildern aus. Das Enneagramm ist ein dynamisches Modell, es beschreibt die ambivalenten Persönlichkeitsstrukturen im Hinblick auf die eigenen Zwänge und Veränderungsmöglichkeiten. Den absolut guten Menschen kann es in der sündhaften Struktur dieser Welt nicht geben; Erlösungsbedürftigkeit gehört zum Menschen. Das Enneagramm will die Menschen auf ihrem Weg zu sich und zu Gott unterstützen. Darin liegt die neue Perspektive.

Es besteht die Gefahr, sich beim Lesen des Enneagramms zunächst mit allem zu identifizieren. Eine weitere Gefahr liegt im Schubladendenken; man steckt die anderen in bestimmte Schubladen, aber auch sich selbst: „Ich bin so, weil ich eine 5 bin!“ Eher ist das Enneagramm ein Weg zur Selbsterkenntnis.

Ein junger Mensch aber soll sich in seiner Identität nicht entdecken, sondern erleben. Erst im 3. Lebensjahrzehnt ist eine Person in der Grundprägung ausgeformt, und auch dann gibt es noch weitere Prozesse zur Entwicklung und Erweiterung der eigenen Persönlichkeit.

Ähnlich wie sich das eine Licht Gottes in den Spektralfarben bricht, so brechen sich die Eigenschaften Gottes in neunfacher Weise im Menschen. Die Größe Gottes zeigt sich in der Vielfalt der Menschen und findet in deren Beziehung untereinander zur Einheit zurück, wie zum Beispiel in der Geschichte „Die himmlische Musik“.

Jeder einzelne ist wichtig; denn erst die Ergänzung aller stellt ein Zeichen der Fülle und des Reiches Gottes dar. Das Enneagramm geht davon aus, daß jeder von uns seit einer fundamentalen Sünde unter einem einzigartigen Zwang steht. In unserer psychologischen Entwicklung und Reifung, beginnend mit der Kindheit, hat jeder eine bestimmte Fähigkeit gegenüber anderen Fähigkeiten betont und einseitig überentwickelt. In einer sehr frühen aber freien Entscheidung hat jeder Mensch sich als kleines Kind entschlossen, auf eine bestimmte Weise umzugehen mit sich, seinem Leib, den Menschen und der Welt. Aus diesem „Entschluß“ haben sich dann bestimmte Verhaltensmuster entwickelt, die die Grundlage für die weitere Entwicklung bis zum heutigen Tag ausmachen, wenn nicht eine Neuentscheidung getroffen wird.

Das Enneagramm enthält nichts, was im Widerspruch zur Bibel steht, und es läßt sich mit heutigen psychologischem Wissen vereinbaren.

Umgang mit dem Enneagramm

Es geht um folgende Fragen:
1. Welche der neun Gestalten entspricht meiner eigenen Person am meisten?
Welche wiederkehrenden und meist zwanghaften Handlungsmuster habe ich?
In welchem der drei grundlegenden Bereiche (Gefühl, Handeln, Beziehungen) habe ich die meisten Schwierigkeiten?
Mit welchen Vermeidungshaltungen und Abwehrmechanismen halte ich an meinem falschen Selbstideal fest?
Welche Wurzelsünde liegt meinen Selbsterlösungsversuchen zugrunde? Welchen Veränderungsweg zeigen sie auf?
2. Welche Wege führen zu mehr Freiheit?
Wozu bin ich berufen?

Eine Erlösung aus den zwanghaften Handlungsmustern setzt eine dreifache Bekehrung voraus:

  1. intellektuell
  2. affektiv
  3. intuitiv
  4. Welche Zusammenhänge bestehen mit anderen Persönlichkeitsgestalten?

Welche Schattierungen finden sich in den anderen Gestalten?
Wie gestaltet sich das Beziehungsgeflecht innerhalb des Enneagramms?
Welche Beziehung hat jede Gestalt zu ihrem Nachbarn?
Gibt es unterschiedliche Entwicklungsstadien der einzelnen Typen?
Wie gehen die einzelnen Gestalten mit der Welt und mit der Zeit um?
Gibt es für jede Gestalt naheliegende Gebetsweisen?
Lassen sich Facetten des Enneagramms auch bei Jesus wiederfinden?

Im ersten Zugang blättert sich die ganze Landkarte der Seele auf. Den meisten Menschen wird, wenn sie sich ernsthaft darauf einlassen, zunächst einmal ein wenig übel: „Wie kann jemand meine eigene Wahrheit, die ich mit Mühe und Not zu verbergen suche, so schonungslos beim Namen nennen?“ Es ist eine Wahrheit, die ziemlich weh tut und zugleich befreit. Gleichzeitig vermittelt das Enneagramm eine Gelassenheit: „Ich kann mich auf diesen schmerzvollen Prozeß der Selbsterkenntnis vertrauensvoll einlassen; denn so wie ich bin, bin ich zunächst auch geliebt.“

Das Enneagramm und die Evangelischen Räte
Das Enneagramm lenkt den Blick von der bloßen Verhaltensebene hin zu der tieferliegenden Motivebene.
Ausgeprägtes Gehorsamsverständnis erfährt Bestätigung durch Obere; es kann aber eine Verstärkung eines zwanghaften Verhaltens sein. Ungehorsam zu sein, kann auch gut sein; beim Kontakt zur eigenen Urkraft (Geschlechtlichkeit und Aggression) könnte man entdecken, woher sich das Bedürfnis nach Gehorsam speist.
Stecken hinter meiner Berufung eher Freiheit und Liebe oder Angst und Lebensverneinung?
Das Enneagramm funktioniert nicht von selbst, es muß schon der Wunsch dasein, aus den eigenen Zwängen herauszukommen. Ein erster Schritt ist es, zu seiner Wahrheit zu stehen. Weitere Schritte sollte man nicht ohne Begleitung eines Expeditionsleiters, der mit dem System und dem Territorium vertraut ist, unternehmen. Das Enneagramm ist mehr Diagnose als Therapie. Die Diagnose besteht darin, zu zeigen, wie ein Programm abläuft und aufzuzeigen, wohin die Reise gehen kann.
Es geht um besseres moralisches oder psychologisches Funktionieren, um Lösungen von einzelnen Charakterfixierungen durch spirituelles Wachstum und die Entfaltung der spezifisch menschlichen Eigenschaften, die wir Tugenden nennen, um das Aufwachen aus dem alltäglichen Traum der durch konditionierte Gewohnheiten fixierten Selbstbeschränkung in der Wahrnehmung und Gestaltung der Wirklichkeit.
Das Enneagramm ist kein Rezeptbuch mit Anweisungen, wie man die Hölle vermeiden, in den Himmel kommen oder ganz besonders spirituell werden kann. Es ist eine Einführung in die Arbeit an sich selbst.

Ausführung
Das Umgehen mit dem Enneagramm müßte mehr sein als eine Mode. Es hat nur Wert, wenn man es durcharbeitet und sich zu eigen macht. Es gilt, den Persönlichkeits-Grundtyp und den Charakter herauszufinden. Es geht um das Hauptmerkmal und den befestigten Standort, von dem aus die Person auf die Welt reagiert. Diesem bleibt man ein Leben lang treu.
Nicht alles, was zur Beschreibung eines Grundtyps gehört, hat zu jeder Zeit Gültigkeit. Wichtig sind die Tendenzen; erst wenn man sich zum Extrem entwickelt, geschieht das auf die Weise, wie es das Enneagramm vorsieht, aber „reine“ Typen gibt es nicht.
Es gilt, sich selbst zu verzeihen, um dann auf der Beziehungsebene Verzeihung zu erbitten. Man lernt, wie das Leben abläuft, vergleichbar mit den „Spielchen“ in der Transaktionsanalyse.
Die Alten vergleichen unser Leben mit vier Königreichen: „Gott schläft in den Steinen, atmet in den Pflanzen, träumt in den Tieren und erwacht im Menschen.“
Steine sind da, materiell existent, und am Ende zerfallen sie. In unserer Steinnatur schläft das Göttliche in uns.
In unserer Pflanzennatur sind wir den kosmischen Rhythmen und den Gesetzen des Stoffwechsels unterworfen. Hier neigen wir dazu, passiv wie das ortsgebundene Gemüse zu vegetieren, uns den gegebenen Bedingungen anzupassen und uns je nach Wetterlage zu öffnen oder zu verschließen. Auf dieser Stufe beschäftigen uns der Rhythmus von Nahrungsaufnahme und Ausscheidung. Altern und Tod betrachten wir als Welken und Eingehen.
Als Tiere sind wir den Trieben unterworfen, suchen Lust und meiden Schmerz, nutzen Aggression für Kampf und Flucht. Hier geht es um Triebbefriedigung, und wenn diese nicht mehr zu bewirken ist, fürchten wir zu verenden.
Als Menschen erkennen wir, daß uns die Lust zu Glaube, Hoffnung und Liebe, zu Selbstbewußtsein und Dienst an der größeren Gemeinschaft innewohnt wie den Steinen die Lust zum Dasein, den Pflanzen das Verlangen zum Austausch in Harmonie und den Tieren der Drang zu Status, Macht und Sex.
Jesus nennt dieses Potential Talente, mit denen wir wuchern sollen. Es drängt uns zur Selbstverwirklichung, wie uns jeder biologische Hunger zur Sättigung treibt. Aber im Gegensatz zu anderen Lebewesen scheinen wir in der Lage zu sein, unsere Bewußtseinskräfte zur Selbstnarkose zu mißbrauchen, die uns hilft, unser Menschsein zu verschlafen und dadurch auf einer Stufe unterhalb unserer menschlichen Möglichkeiten stehenzubleiben.
Ein Forscher sagte einmal, er habe das fehlende Glied in der Evolution zwischen den Affen und den Menschen entdeckt, nämlich den eigentlichen Menschen.
Als potentielle Menschen tragen wir in uns zwar ein inneres Wissen, daß es für uns als Menschen mehr gibt als sachliches Dasein, pflanzliche Harmonie und tierische Triebbefriedigung, doch die meisten von uns scheinen sich fremd zu bleiben. Als Menschen haben wir zwar die Fähigkeit sowie zugleich das Bedürfnis und die Aufgabe, uns unserer selbst und unserer Gaben bewußt zu werden; doch in der Regel müssen wir erst an unserer Selbstbeschränkung leiden, um aufzuwachen für unsere menschliche Natur.
Wenn wir unsere Fixierung auf vormenschlicher Stufe erkennen und uns auf unsere menschlichen Bedürfnisse und Werte besinnen, können wir üben und lernen, unabhängiger zu werden von äußerer Daseinsbestätigung. Auch bei ungünstigen Bedingungen lernen wir, den persönlichen Weg zu gehen und um einer höheren Lust willen auf Triebbefriedigung teilweise und vorübergehend zu verzichten.
Wenn wir aufgewacht sind, sind wir am Ende des persönlichen Lebens Zeuge vom Ewigen Leben.

Der nächste Schritt
Wer seine Fixierung erkannt hat, kann den nächsten Schritt entdecken; denn jeder unteren Oktave entspricht eine höhere:
dem zornigen Perfektionisten der Herrscher,
dem Helfer die Muttergöttin,
der Mißbrauch treibenden Persönlichkeit der Krieger
und vieles mehr.

Es geht dabei um ein schrittweises Sich-Nähern, indem man die entsprechende „Heilige Idee“ pflegt und den „Heiligen Weg“ geht.
Hierbei ist es vonnöten, jegliche Arroganz in Bezug auf Selbst- und Weltverbesserung zu unterlassen, sich selbst und seinen Mitmenschen die menschliche Beschränkung zu vergeben, im Erkennen der eigenen Fixierung heimzukehren, aufzuwachen für die Vollkommenheit des persönlichen Weges und die Augen zu öffnen für die darüber hinausweisenden Möglichkeiten.

Literatur
Eli Jaxon-Bear: Das Enneagramm – Charakterfixierung und spirituelles Wachstum, München 1989
Richard Riso: Die Neun Typen der Persönlichkeit und das Enneagramm, München 1987
Richard Rohr, Andreas Ebert: Das Enneagramm, Die Neun Gesichter der Seele, München 1989
Maria Beesing/Robert Nogosek/Patrik O'Leary: The Enneagramm, Denville 1984, Anfang 1991 in deutscher Sprache
Helen Palmer: Enneagramm, Juli 1991

Link zum Ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm e.V.