Der Jüngling von Nain (Lk 7,11-17) – Schneewittchen (GHM 53)

Das fast verlorene Leben

Wer hat sich noch nicht „wie tot“ gefühlt? Es rührt sich nichts mehr, das Leben scheint stillzustehen. Wer hat noch nicht gedacht, daß das Leben an ihm vorbeigegangen ist, oder er am Leben vorbeigelebt hat? Statt Akteur des Lebens bin ich nur Zaungast, nur Zuschauer. Wie gewinne ich mein schon verloren geglaubtes Leben zurück?

Der Jüngling von Nain (Lk 7,11-17, vgl. 1 Kg 17,17-24 Witwe von Sarepta, 2 Kg 4,29-37 die Schunemiterin)

Zur Szene der Wunderheilung durch Jesus gehören die gesamten Rahmenbedingungen; denn sie sind als symbolische Mitteilungen zu würdigen. So wird zum Beispiel eigens auf die Nähe des Stadttores hingewiesen.

In Bezug auf die Menschen sind die Jünger und eine große Menschenmenge bei Jesus und viele Leute aus der Stadt bei der Mutter, deren einziger Sohn zu Grabe getragen wird.

Ein Zug des Lebens und ein Zug des Todes begegnen sich an einem Tor. Lukas beschreibt als mitfühlender Arzt die menschlich-psychologische Seite des Geschehens. Vers 16 lautet: „Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht.“ Dieser Vers ist als Chorschluß anzusehen, in dem die Worte zweier Menschengruppen verarbeitet sind. Auferstehung ist ein christliches Symbol, sie vollzieht sich nicht erst nach dem Tod, sondern geschieht mitten im Leben. Wir haben immer wieder die Chance, neu zu werden.

Ein toter Jüngling wird Jesus im offenen Sarg entgegengetragen, allen ist alles sichtbar, auch die weinende Mutter, deren einziger Sohn gestorben ist. Das Ereignis geschieht in Nain, einem Dörfchen mit weitem Blick in die Landschaft. Im Zug des Todes vollzieht sich alles nach Sitte und Anstand. Ein frühzeitiger Tod ist ein Zeichen für Strafe. Wenn jemand in einem Alter unter 20 Jahren stirbt, liegt die Schuld bei der Mutter. Psychologisch wichtig sind weitere Aspekte: Der Mutter fehlt ihr Mann; denn sie ist Witwe. Ihr Sohn ist ihr Ein und Alles. Es geht also auch um das Mutter-Sohn-Verhältnis und umgekehrt. Eine Frau klammert sich mit all ihrer Verantwortung und Fürsorge an ihr Einziges, an ihr „Ergänz-mich-Kind“. Dieser Sohn ist ihr Stolz, ihr Ehrgeiz, ihre Hoffnung, ihre einzige Zukunft.

Nain kommt vom hebräischen naim = lieblich. Es ist ein sehr kleiner Ort, 10 km südöstlich von Nazareth. Lukas macht daraus eine Stadt, die sogar ein Stadttor hat. Die Bahre, auf der der Tote mit Tüchern zugedeckt liegt, bezeichnet er als Sarg. Lukas setzt sich auch über die jüdische Bestimmung der Leichenunreinheit hinweg und läßt Jesus den Toten berühren.

Jesus wird hier zum Herrn (Kyrios), eine späte christologische Sicht des Urchristentums. Im Gegensatz zu anderen Wundern zeigt Jesus Mitleid und wirkt völlig ungebeten und unaufgefordert.

Leben besteht im Sich-aufrichten und Sprechen. Die Juden sehen nur einen der Gottespropheten in Jesus, nicht den endzeitlichen Propheten.

Im Zug des Lebens befinden sich Jesus, seine Jünger und eine große Menschenmenge. Als sie am Stadttor auf den Zug des Todes treffen verhält sich Jesus gegen Gesetz und Konvention. Er sagt: „Weinet nicht; steh auf!“ Bei der Begegnung des Leichenzugs der Zeit und des Zugs des Lebens geschieht eine Umkehrung der Werte: Versöhnung statt Vernichtung, Vergebung statt Strafe, Verwandlung statt Ausmerzung.

Jesu Botschaft lautet: „Steh auf aus deinem ,gläsernen’ Sarg und fang zum ersten Mal richtig an zu leben. Vorher warst du tot, mitten im Leben, todsicher tot, jetzt erst beginnt dein Leben neu – Wiedergeburt!“

Schneewittchen (GHM 53)

Das Märchen beginnt im Winter. Ein Bild für erstarrtes Leben. Können meine erstarrten Gefühle wieder lebendig werden? „Mitten im Winter“ könnte auf einen Wendepunkt hinweisen. Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages. Im Advent und zu Weihnachten entzünden die Menschen Lichter. Wo ist und wann kommt die Wärme, die jedes Leben braucht? In der erstarrten Landschaft Bewegung entdecken, darauf kommt es an: „Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel.“

Woran denken Sie bei Federn?

Meist sind es angenehme Erinnerungen. In vieler Hinsicht symbolisiert die Feder positive Zustände und Stimmungen: federleicht, warm, sanft, anschmiegsam, zart. Kleine, leichte Dinge können eine Wende anzeigen, sie kommen vom Himmel.

Es ist von einer Königin die Rede, der König fehlt. Eine Frau ohne Mann – ein Mann ohne Frau. Solche Figuren verfallen sehr leicht der Tyrannei eigener Lieblingsvorstellungen.

Worin liegt die Bedeutung der Königin?

Die Königin sitzt am Fenster. Sie hat also bei aller Erstarrung noch einen Durchblick. Das Fenster besagt, daß in jeder Situation ein Blick über die augenblicklichen Grenzen möglich ist. Es bleibt allerdings ein Ausschnitt. Bei einem Fenster nach Osten sehen wir nichts vom Westen. Der schwarze Rahmen entspricht der Anfangssituation in der Mitte des Winters. Er ist wie ein Trauerrand. Der Rahmen ist aus Holz, ein Produkt der Erde, es ist vergänglich, der Rahmen muß also nicht bleiben.

Die Königin näht. Sie legt die Hände nicht in den Schoß, sondern ist aktiv. Nähen ist eine beschauliche Tätigkeit, bei der man sich seinen Gedanken hingeben kann.

Symbolisch geht es um den Schicksalsfaden. Sie spinnt am Schicksalsfaden ihres Lebens. Der Faden ist zu Ende und reißt. Die Nornen spinnen am Gewebe des Lebens und legen das Muster fest.

Die Situation spitzt sich zu. Die Königin sticht sich in den Finger, eine empfindliche Stelle. Das hervortretende Blut zeigt, daß noch Energien verfügbar sind, die zugleich auf Verwirklichung und Ausformung drängen. Wo warmes Blut fließt, da ist Leben.

Blut und Schnee, welch ein Gegensatz. Der Schnee steht für Tod, das Blut für Leben. Jetzt kommt Farbe ins Leben.

In dieser Situation wünscht sich die Königin ein Kind: „Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie das Holz an dem Rahmen.“ Aus der Schwärze kommt das Helle. Über die Weiße die Rötung. Aber es kommt nicht zum Schneeröschen, sondern zum Schneeweißchen. Im Grunde liegt die Königin bereits in einem gläsernen Sarg. Das neue Leben ist von der Farbe des Todes gezeichnet und von Anfang an vom Tod bedroht. Mit welchen Botschaften und Einschärfungen wird dieses Kind ins Leben geschickt: „Sei Nicht!“ „Stirb wieder!“

Zum Leben gehört nicht nur die Farbe Weiß, auch als Farbe der Unschuld und der Reinheit bekannt, sondern auch die schwarze Farbe mit ihren dunklen Aspekten und das Rot als Zeichen des Affekts; denn auch das Gefühl ist ein wesentlicher Teil des Lebens. Ohne diese drei Farben bliebe alles steril. Es bleibt bei einer scheinbaren schuldlosen Mittelmäßigkeit. Was dreifarbig sich darbot, wird auf die weiße Farbe reduziert. Somit ist alles wieder klar, durchsichtig, moralisch sauber und makellos. Alles andere wird unter den Schnee gekehrt.

Die Königin stirbt bei der Geburt. So sehr altes Leben weichen muß, so gibt es doch auch ein zu früh dafür, wenn das Leben noch Pflege braucht. Sie stirbt an ihrem Kind, das sie zur Welt bringt und das sie innerlich ablehnt. Vielleicht mußte sie bei der Geburt sterben, aus dem Blick geraten, um der anderen Frau, der Stiefmutter, für eine Weile die Zuchtgewalt zu überlassen.

Der König kümmert sich nicht um seine Tochter, auch von Trauer um seine Frau wird nicht berichtet. Mit der neuen Frau ist das Schicksal der Tochter besiegelt.

Spiegel spielen von alters her eine bedeutende Rolle. Sie zeigen unser Aussehen, aber auch unsere Entwicklung, zum Beispiel das erste graue Haar oder die ersten Falten. Der Spiegel ist ein Sinnbild der Selbstreflexion. Wir kennen auch Spiegelfechtereien. Der Königin offenbart der Spiegel etwas Neues, mit dem sie sich fortan beschäftigen muß. Ihre Schönheit ist begrenzt. Sie wird vom Spiegel nicht kritisiert, aber relativiert. Bisher bestätigte der Spiegel den gewohnten Zustand, nun kommt ein Anruf zur Neugestaltung. Nur die Wiederherstellung des alten Zustandes kann die Unruhe bannen. Daher muß das tausendmal schönere Schneewittchen weichen.

Warum kann die Königin nicht mit Grazie alt werden und ihre Befriedigung darin finden, sich stellvertretend an ihrer zu einem reizenden jungen Mädchen heranwachsenden Stieftochter zu erfreuen? Alles Neue muß weichen. Dabei muß der Jäger Hilfestellung leisten.

Die Königin bringt das Kind nicht direkt um. Das neue Leben ist zwar äußerst gefährdet, aber nicht verloren. Sie sucht einen Weg, der zugleich die Möglichkeit des Überlebens in sich trägt. Auch neben einem noch so ablehnenden und selbstzerstörerischen Bewußtsein gibt es Kräfte, die heimlich das Leben erhalten und fördern.

Im Märchen heißt töten immer, ein bewußt gewordenes psychisches Problem um jeden Preis wieder abzuspalten. Dieses Verdrängen geschieht zum Beispiel durch den „Genuß“ von Alkohol oder anderen Drogen, die die augenblickliche Situation betäuben.

Es geht um die Vorstellung des „Verstoßens“, entweder will das Kind sich unbewußt eines Elternteiles entledigen, oder es ist überzeugt, dasselbe Elternteil wolle es selbst beseitigen.

Das Mädchen ist nun ganz allein. Es bedarf eines langen Weges, um das Leben wiederzufinden. Der Wald ist der Ort, wo wunderliche Dinge passieren. Dort findet es die Zwerge. Sie sind die Handwerker der mineralischen Erdform, kluge und kunstfertige Helfer. Ihr Häuschen steht auf den Bergen, das bedeutet „über“ der Erde. Es entwickelt sich eine schöne Gemeinschaft zwischen den Unteren der elementaren Welt und dem Menschenkind. Die Zwerge bestaunen die vom Königshof in die Welt hinaus verstoßene Prinzessin.

Die Sieben als heilige Zahl ist von besonderer Bedeutung. Um „neu zu werden“ muß Schneewittchen „ganz klein anfangen“. Während ihre Stiefmutter immer nur das Schönste und Größte nach Außen zeigen will, ist bei den sieben Zwergen alles klein und bescheiden, so geschieht jetzt alles im Verborgenen. Die Zwerge sind schöpferische Wesen. Ihre Siebenzahl zeigt ihr Streben nach Ganzheit und Vervollständigung. Sie sind von Schneewittchens Schönheit fasziniert. Es ist für die Prinzessin nicht einfach sich einzurichten, und doch ist ein Platz für sie vorgesehen, das siebte Bettchen paßt. Wenn sie bei den Zwergen bleiben will, muß sie Pflichten übernehmen; denn um eine Persönlichkeit zu werden, muß sie sich wie ein reifer Mensch verhalten. Die Zwerge warnen sie vor den Gefahren des Lebens und helfen auch wiederholt aus der Not.

Schneewittchen ist weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier und noch kein Schneeröschen. Das eigentliche Leben scheint sich ins Unbewußte zurückgezogen zu haben. Die Begegnung mit dem Unbewußten ist befremdlich, wenn sonst alles in den konventionellen Denkgewohnheiten verläuft. Die sorgfältige Kleinarbeit, die Schneewittchen bei den Zwergen leisten muß, ist mit einer Analyse vergleichbar.

Am Hof herrscht nun Ruhe, bis der Spiegel seine neue Wahrheit offenbart. Er sagt der Königin, was sich in ihr tut. Sie macht sich auf, Schneewittchen zu suchen, und zwar im Haß. Damit ist eine Verbindung hergestellt, die vorher durch den Verdrängungsprozeß abgebrochen war. Schneewittchen erliegt der Versuchung, die warnende Stimme der Zwerge ist zu leise.

Was ist für mich Gift? Was stranguliert mich?

Die Angebote der Königin beziehen sich auf das, was der Eitelkeit, der Ehre, der Schönheit dient.

Was ist für mich ein vergifteter Apfel?

Während die Zwerge zuvor helfen konnten, sind sie jetzt machtlos und können nur noch weinen. Aber ganz tot ist Schneewittchen noch nicht, sie ruft: „Wo ist meine Erlöser? Helft mir zum wahren Leben.“

 

Schneewittchen befindet sich nun therapeutisch in einem Zwischenstadium: Entweder gibt es ein Versenken in die schwarze Erde oder eine Erweckung zu neuer Lebendigkeit. Der Glassarg symbolisiert sowohl die Abspaltung als auch die Zugänglichkeit. Wir neigen dazu, das zur Schau zu stellen, was andere uns angetan haben, statt etwas zu verändern. Im Märchen geht es um ein Sich-suchen-lassen. Dazu dient der hoch oben auf dem Berg stehende gläserne Sarg.

Um keinen Schatz der Welt wollen die Zwerge ihn hergegeben. Selbst angesichts des Todes wollen sie noch teilhaben an dem, was menschliche Innennatur im Kindeszustand, unverdorben, an Schönheit zu geben hat. Der Prinz bietet alles, was er hat. Doch mit Geld läßt sich das Leben nicht erkaufen. Aber die Zwerge schenken ihm schließlich den Sarg und überlassen ihm Schneewittchen, nachdem sie dessen übermächtige Liebe zu dem jungen Mädchen erkannt haben.

So stehen viele Särge auf Bergen oder in Tälern und warten auf Erlösung. Die Wandlung geschieht durch einen Prinzen. Seine Potenzen sind die neuen und zukunftsweisenden Kräfte der Seele.

Auch die Liebe braucht unermüdliche Anstrengung und doch bleibt sie Geschenk. Schneewittchen wird befreit durch unvergiftete Liebe. Der Apfelgrütz springt heraus, ohne daß der Prinz von sich aus etwas dazu tun muß.

Aber die Liebe ist gefährdet. Die Königin flucht. Sie repräsentiert die verweigerte Wandlung, die archetypische Möglichkeit der nicht gelebten Individuation. Der liebende Prinz mußte etwas einsetzen.

Es gibt das Wunschbild von der Überwindung des Todes durch die Liebe. Liebe und Tod sind geheimnisvoll aufeinander bezogen. Sie geben sich wechselseitig die allein ihrer Macht gemäße Würde und den ihr angemessenen Ernst. Getrennt von der Liebe schrumpft der Tod zur Banalität. Ganz anders begegnet der Tod den Liebenden. Das Sterben des Geliebten trifft als Hieb ins eigene Fleisch. Dem Liebenden zeigt sich der Tod als grausamer Feind. Aber eine Liebe für flüchtige Stunden verdient den Namen nicht. Liebe will Ewigkeit. Der Glaube erkennt über dem Gesetz des Todes das Gesetz der Liebe.

Es gibt aber noch keine echte Auferstehung. Auf der Hochzeit muß die Stiefmutter einen gräßlichen Totentanz vollführen. Es handelt sich jedoch nicht um eine Rache von Schneewittchen.

Die Vernichtung des Bösen bedeutet eine erneute Rückführung ins Unbewußte, und wir erliegen der Illusion, es sei besiegt. Die beabsichtigte Vernichtung des Bösen ist lediglich eine Scheinlösung auf Zeit. Die Begegnung mit dem Schatten, den moralisch so demütigenden dunklen Seiten der Persönlichkeit bleibt eine Herausforderung, die nicht ein für allemal zu lösen ist.

Das Märchen endet mit einem makabren Tanz: Eiseskälte und ungeheure Hitze begegnen einander, zwei Aspekte des großen in jeder Liebesbeziehung enthaltenen Affekts. Es beginnt der Tanz zum Tode. Dort, wo eiskalte Berechnung und glühender Haß sich in einer in glühender Liebe begonnen Begegnung unvereinbar gegenüberstehen, wären Versöhnung statt Vernichtung, Vergebung statt Strafe und Verwandlung statt Ausmerzung angesagt.