Der süße Brei (GHM 103) – Die Armut zur Zeit des Elia (1 Kön 17,8-16)

Der „Süße Brei“ ist ein Märchen für die Nachkriegszeit. Die Bibel erzählt eine Gegengeschichte: Die Armut zur Zeit des Elia.

Am Ende des Krieges und danach gab es eine Zeit, da es abends bei uns Griesmehlsuppe gab, eventuell mit Himbeersaft. Traum aller Kinder: wenn es doch nie aufhören würde mit dem Griesbrei und der Himbeersoße, es sei denn, ich mag ihn nicht. Im Schlaraffenland sind es dann die gebratenen Tauben.

Dieser Traum geschah in einer Zeit, als es nichts gab, alles falsch und Ersatz war. Man sprach damals zum Beispiel von „guter Butter" und von „Kunsthonig". So rechte „Nachkriegsmärchen" sind Der süße Brei und der Besuch des Propheten Elia.

Im Märchen aber bringt der Brei die Katastrophe, die Stadt ist zugekleistert, man mußte sich durchessen. Es ist, als wenn ein Lavastrom die Stadt zugedeckt habe. Wer hätte in der Nachkriegszeit an Übersättigung denken können?

Das Kind weiß die Lösung, die Mutter nicht. In manchen Familien quillt heute das Spielzeug über. Die Erwachsenen bringen immer noch mehr mit, die Kinder machen es kaputt: Töpfchen steh!

Die Bibel erzählt eine Gegengeschichte: Die Armut zur Zeit des Elia.

Im Märchen ist es eine alte Frau, die den Topf schenkt und die Not ist zu Ende. In der Bibel ist es der Prophet, der das Letzte will. Die Witwe mit ihrem Sohn lebt wie in der Nachkriegszeit. Wer erinnert sich noch an das Holzauflesen? Der Wald war zu der Zeit wie gefegt.

Hätten wir das Letzte hergegeben, oder: „Das brauchen wir selbst, das können wir nicht geben!“ Geben vom Überfluß, das Letzte geben. Wir hätten uns eine alte Frau gewünscht, die uns was gibt.

Im Märchen weiß nur das Mädchen das Zauberwort, aber es geht weg. Brauchen wir die Weisheit der Kinder?

Im Märchen kocht es über, in der Bibel ist es gerade genug. Da ist kein Zauberwort nötig.

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“

Und bei uns? Ersticken wir schon? Wo ist das kleine Mädchen? Wer gebietet Einhalt?

Wir leben heute eher wie im Märchen: Immer mehr und besser, Wachstum; und wir merken nicht, wie wir ersticken. Wir haben das Zauberwort vergessen. Wir sind besoffen vom Fortschritt, längst getrunken über den Durst.

Es gab so Worte wie: „Atomkraft, nein danke!“ – „Frieden schaffen ohne Waffen.“ Aber wer will das kleine Mädchen hören, daß keine Ahnung von Wirtschaftsfragen hat.

Solche Worte stehen auch in der Bibel, aber sie gehen der Welt gegen den Strich. Wir wollen den Fortschritt, aber was ist das? Wenn wir so weiter leben, haben unsere Nachkommen keine Ressourcen mehr.

Wie heißt das Zauberwort? „Wer verliert gewinnt!“ Ein unlogischer Satz; ein Paradox, aber darin liegt die Wahrheit. Diese Kurzformel geht auf das Neue Testament zurück: Mt 10,39: „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (vgl. Mt 16,25; Mk 8,35; Lk 9,24; Lk 17,33); Joh 12,25: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“

Jesus hatte schon beim Gleichnis vom Scherflein der armen Witwe gezeigt, daß er nicht nur mathematisch rechnet. (vgl. Mk 12,41-44; Lk 21,1-4); und das Volk weiß es auch: „Weniger wäre mehr! (Gotthold Ephraim Lessing 1729-1781); „Non multum, sed multa!” (Vieles, nicht vielerlei. Plinius der Jüngere 62-113), „Ich fürchte den Leser eines Buches“ (Plinius u.a.); „Es muß im Leben mehr als alles geben!“ (Maurice Sendak 1928-2012), „In allem ist etwas zu wenig!“ (Ingeborg Bachmann 1926-1973)

Christoph August Tiedge (1752-1841): „Sei hochbeseligt oder leide: Das Herz bedarf ein zweites Herz. Geteilte Freud´ ist doppelt Freude, Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.“

Wer nicht danach lebt, für den gilt: „Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen.“ (Johann Martin Miller 1750-1814); „Was er hat, das will er nicht; und was er will, das hat er nicht!“ (s. Gedicht Hans im Schneckenloch, Autor unbekannt).

Es geht nicht nur um eindimensionales, mathematisches, irdisches Rechnen nach Adam Riese (1492-1559): „Je mehr, desto besser.“ Es geht um ganzheitliches, himmlisches Rechnen. Das „mehr“, der Gewinn, hängt nicht von der Menge ab, sondern von der Beziehung, vom Zusammenhang. (vgl. die Rose bei Antoine de Exupéry 1900-1944 Kap. XX und XXI)

Auf diese Weise ist der Arme reich (vgl. Franz von Assisi 1181-1226), und der Reiche ist ein Armer mit viel Geld (vgl. Rainer Maria Rilke 1875-1926 und die Bettlerin mit der Rose.

Hier ist ein wesentlicher menschlicher Aspekt, der wohl etwas mit der Gottebenbildlichkeit zu tun hat: Er kann teilen, mitteilen. Da wird etwas mehr, was rein irdisch weniger wird.

Hierher gehört auch die Krankheit „The next“. „Ganz in der Gegenwart leben“ ist die Gesundheit.

Damit sind wir bei einem wichtige Aspekt der Fastenzeit: Fasten. Teresa von Avila (1515-1582): „Wenn Fasten, dann Fasten; wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn.“

Es muß das eine und das andere geben; ganz bei dem sein, was gerade dran ist. Also nicht beim Essen ans Fasten müssen denken; und nicht beim Fasten ans Essen (vgl. Kochbücher lesen beim Fasten).