Die himmlische Musik

Märchen leben von der Vorstellung, die himmlische Musik sei voller Harmonie

Im goldenen Zeitalter, vor langen Zeiten, standen die Tore des Himmels weit offen. Die Menschen konnten in den Him­mel hineinsehen, und sie sahen all den goldenen Himmels­glanz. Das Schönste aber war die wundervolle Musik, die da­mals aus dem Himmel erklang. Der liebe Gott hatte dazu die No­ten selber aufgeschrieben, und tausend Engel führten sie mit Geigen, Pauken und Trompeten auf. Wenn die Musik er­klang, wurde es ganz still auf der Erde. Die Menschen lausch­­­ten der himmlischen Musik, und es wurde ihnen so wunderbar zumute, wie man das heutzutage einem armen Menschen­herzen gar nicht beschreiben kann.

Aber dann muß etwas Schlimmes passiert sein. Denn eines Tages ließ der liebe Gott zur Strafe die Himmelstore schlie­­­­ßen und sagte zu den Engeln: „Hört auf mit eurer Mu­sik; denn ich bin traurig!“ Da wurden die Engel ebenfalls traurig und setzten sich, ein jeder mit seinem Notenblatt, auf eine Wolke, zerschnitzelten die Notenblätter in lau­ter ein­­zelne Stücke und ließen sie auf die Erde hinunterfliegen. Der Wind zerstreute sie in alle Welt. Und die Menschen haschten sich jeder einen Schnitzel, der eine einen großen, der andere einen kleinen, und hoben sie sorgfältig auf und hiel­ten die Schnitzel sehr wert. Es war ja etwas von der himmlischen Musik, die so wundervoll geklungen hatte. Aber mit der Zeit begannen sie, sich zu streiten und zu ent­zwei­en, weil jeder glaubte, er habe das Beste erwischt. Zu­letzt behauptete je­der, das, was er habe, sei die eigentliche himm­­li­sche Musik und das, was die anderen besäßen, eit­ler Trug und Schein. Wer recht klug sein wollte, machte hinten und vorne einen großen Schnörkel auf seinen Schnitzel und bildete sich etwas ganz Besonderes darauf ein. Jeder musi­zierte für sich, aber keiner konnte den anderen verstehen. Dabei hät­ten sich die Menschen zusam­mentun können und schauen, welche Noten zusammen eine gute Melo­die ergä­ben. Aber nun müssen sie war­ten, bis am Jüngsten Tag der liebe Gott die Engel all die Papierschnitzel seines himmli­schen No­tenbuches wieder einsammeln läßt. Alles wird wie­der zusam­mengesetzt, und die himmlische Musik kann er­neut er­klingen.