Ein Einzelner kann nichts machen!?

Georg Elser war ein Einzelner

Georg Elser war ein Einzelner und hätte fast die Welt verändert. Adolf Hitler entkam wie schon sooft dem Attentat. Unter der Überschrift „Er war ein Einzelner“ und den einleitenden Zeilen „Besser spät als nie: Die Hansestadt Hamburg benennt einen Platz nach dem Hitler-Attentäter Georg Elser“ kommentierte Edo Reents in der F.A.Z. vom 9. November 2021 Georg Elsers Attentat auf Adolf Hitler.

Als ich mit der Lebens-Chronik zu Karl Leisner begann, erforschte ich zuerst die Ursache, warum er ins KZ gekommen war. Wegen einer Lungentuberkulose befand er sich 1939 zur Ausheilung in St. Blasien im Schwarzwald. Dort erfuhr er am 9. November von Georg Elsers mißglücktem Attentat auf Adolf Hitler. Seine Äußerung „Schade, daß er nicht dabei gewesen ist“ führte zur Verhaftung und schließlich ins KZ.

Im Rahmen meiner Recherchen machte ich auch einen Besuch in Königsbronn, der Heimat von Georg Elser. Als einer der Ersten durfte ich dort einen Vortrag über Georg Elser halten. Zuvor war die Person Georg Elser ein Tabu, weil der Bürgermeister als ehemaliger Nationalsozialist alles totgeschwiegen hatte. Inzwischen gibt es in Königsbronn eine Georg Elser-Gedenkstätte.

Nachfolgende Artikel, die ich in der Lebens-Chronik zu Karl Leisner, auf der Karl Leisner-Homepage oder auch in den Rundbriefen des Internationalen Karl-Leisner-Kreises (IKLK) veröffentlicht habe, geben einen tiefen Einblick in das Leben von Georg Elser.

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Elser, Georg

Johann Georg Elser (* als uneheliches Kind 4.1.1903 in Herma­ringen/Kreis Heidenheim,   † erschossen ohne Pro­zeß u. ohne Urteil 9.4.1945 im KZ Dachau) – Seine Eltern hei­rateten 1904 in Königsbronn. Dort besa­ßen sie eine kleine Landwirtschaft. Georg bekam fünf Ge­schwister: Friederike (* 1904), Maria (* 1906), Ludwig (* 1909), Anna (* 1910) und Leon­hard (* 1913). Georg war ein mittelmäßiger Schüler. Er wurde Schreiner. Er galt als ruhi­ger, verschlosse­ner, in seinen materiellen Be­dürfnissen anspruchsloser und spar­samer Mensch. Als Einzel­gänger fühlte er sich niemandem freundschaftlich verbunden, war aber durchaus nicht unbeliebt, vor allem nicht bei Frauen. Er hatte mehrere Ver­hältnisse. Seine Freun­din Mathilde Niedermann gebar ihm 1930 einen Sohn Manfred, heiratete jedoch einen ande­ren Mann. Politisch trat Georg Elser nie hervor. Er hatte seine eigene Meinung und das genügte ihm. Von Berufs wegen war er Mitglied der Ge­werkschaft des Holz­arbei­terverbandes, außerdem zahlendes Mitglied des Roten Front­kämpferbund. Er wählte immer die KPD, weil er annahm, sie setze sich für Arbeiter ein. Den Nationalsozialis­mus und das neue Regime lehnte er entschieden ab. Er war der Meinung, „daß Deutschland anderen Ländern gegen­über noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeidlich ist ...“ (Lothar Gruchmann: Autobiographie eines Attentäters, Johann Georg Elser, Verlag: DVA, Stuttgart 1970: 81). Im Herbst 1938, als sich offensichtlich die Sude­ten­krise zu einem Krieg auszuweiten drohte, ent­schloß sich Georg Elser, durch ein Attentat die NS-Füh­rung (Adolf Hitler, Josef Goebbels und Hermann Göring) zu beseitigen. Nach dem deut­schen Überfall auf Polen am 1.9.1939 wußte er, daß nun ein Weltkrieg bevorstand, und er machte ernst. In minutiöser Kleinarbeit installierte er im Bürgerbräukeller in München eine Bombe in dem Pfeiler, vor dem Adolf Hitler alljährlich stand, während er seine Rede hielt. Hätte am 8.11.1939 kein Nebel ge­herrscht, so daß Adolf Hitler ge­zwungen war, statt des Flugzeuges den Zug von München nach Berlin zu nehmen und daher nicht wie in den Vorjahren eineinhalb Stunden lang re­dete, wäre der Anschlag gelun­gen.

Georg Elser wurde am 8.11.1939 gegen 20.45 Uhr in Kon­stanz verhaftet, zunächst wegen versuchten illegalen Grenzübertritts, dann nach Mün­chen gebracht und im Wit­tels­bacher Palais, der Münchner Gestapozen­trale, verhört und gefoltert. Man wollte nicht glauben, daß er diese Tat ohne Hintermänner vollbracht hatte. In der Nacht vom 13. auf den 14.11.1939 ge­stand er, allein der Attentäter ge­wesen zu sein. „Ich wollte ja durch meine Tat nur noch grö­ße­res Blutvergießen verhindern“ (Gruchmann 1970: 75), sagte er beim Ge­stapo­verhör. Offen­sicht­lich wollte man ihn für den großen Schauprozeß ge­gen England nach dem End­sieg aufbewahren. So kam er als Sonderhäft­ling in Einzelhaft ins KZ Sach­senhau­sen und im Winter 1944/1945 in den „Ehrenbunker“ ins KZ Dachau. Als der Ausgang des Krieges auch für den größten Opti­misten klar war und Georg Elser daher für den vorgese­henen Zweck nicht mehr verwendbar war, wurde er erschossen. Sein Deckname war Eller, ein Bom­benan­griff sollte seine Liquidierung tarnen. Der Zeit­punkt seiner Ermordung macht deut­lich, daß er zu den be­deutenden Wider­stands­kämp­fern gegen den National­so­zialismus zählt. Er wurde erschossen, weil er als erster dem Ziel, Adolf Hitler zu töten, denkbar nahe ge­kom­men war.

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Mittwoch, 8. November 1939[1]

An diesem Tag ereig­nete sich das Attentat von Georg Elser auf Adolf Hitler im Bürgerbräu­keller in Mün­chen, das dieser, weil vorzeitig abgereist, unbe­scha­det über­stand. Karl Leisner erfuhr erst am nächsten Morgen da­von.

Georg Elser lehnte den Nationalso­zialis­mus und das neue Regime ent­schieden ab. Er war, wie er bei der Vernehmung zu Protokoll gab, der Mei­nung, „daß Deutschland anderen Ländern gegen­über noch wei­tere Forde­run­gen stellen und sich an­dere Länder ein­verleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeid­lich ist ...“[2]

Im Herbst 1938, als sich die Sude­ten­krise offensichtlich zu einem Krieg auszuweiten drohte, ent­schloß er sich, durch ein Attentat die Füh­rung (Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Hermann Göring) zu be­seitigen. Nach dem deut­schen Überfall auf Polen am 1. September 1939 ahnte er, daß ein Welt­krieg bevorstand, und er machte Ernst. In minutiöser Kleinarbeit installierte er eine Bombe im Pfeiler des Bürger­bräukellers in München, vor dem Adolf Hitler all­jährlich eine lange Rede in Erinnerung an den Putsch von 1923 in Mün­chen hielt. Hätte am 8. November 1939 kein Nebel ge­herrscht, so daß Adolf Hitler statt des Flugzeuges den Zug von Mün­chen nach Berlin nahm und daher nicht wie in den Vorjahren einein­halb Stunden re­dete, wäre der An­schlag gelun­gen.

Georg Elser wurde am 8. November 1939 in Kon­stanz verhaftet, nach Mün­chen gebracht und im Wit­tels­ba­cher Palais, der Münchener Gestapo­zen­trale, verhört und gefoltert. Man wollte nicht glauben, daß er diese Tat ohne „Hintermänner“ voll­bracht hatte. Statt dessen war der Nachrichtenoffizier des Secret Service Captain Sigismund Payne Best mit seinem Kollegen Lieute­nant Colonel (Oberstleutnant) Richard H. Stevens irrtümlich des Attentates beschuldigt worden.

Wie viele Deutsche hat offensichtlich auch Karl Leisner die Möglichkeit in Betracht gezogen, der Anschlag auf Adolf Hitler sei inszeniert gewesen, um zu zeigen, wie sehr die Vorsehung den Führer beschützt.

Vater Wilhelm Leisner am 30. Januar 1964 an das Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen:
Mein Sohn hat mir und meiner Frau [gegenüber bei unserem Besuch[3]] in Planegg immer geäußert, daß er dem Mitpatienten im Fürstabt-Gerbert-Haus in St. Blasien erklärt hat, wäre [Adolf] Hitler bei dem Attentat im Bürgerbräu­keller in München zugegen gewe­sen, so wäre der Anschlag auf ihn nicht passiert. Er wollte damit sa­gen, daß der Anschlag von der Partei inszeniert gewesen sei.

In der Nacht vom 13. auf den 14. November 1939 gestand Georg Elser, allein der Attentäter ge­wesen zu sein. „Ich wollte ja auch durch meine Tat ein noch grö­ße­res Blutvergießen verhin­dern“[4], sagte er beim Ge­stapoverhör.

Offen­sicht­lich wollte man Georg Elser für den großen Schauprozeß ge­gen England nach dem End­sieg aufbewahren. So kam er als Sonderhäft­ling in Einzel­haft ins KZ Sach­sen­hau­sen und im Winter 1944/1945 ins KZ Dachau. Als der Ausgang des Krie­ges auch für den größten Opti­misten klar war und Georg El­ser daher für den vorgese­henen Zweck nicht mehr ver­wendbar war, wurde er im KZ Dachau ohne Pro­zeß und ohne Ur­teil am 9. April 1945 er­schos­sen.

Der englische Histori­ker Joseph Peter Stern schrieb 1975, daß man „Hit­lers wahren Antagonisten“ nicht beim Militär und nicht bei Junkern, nicht beim Klerus und nicht unter den Juden fand; Adolf Hitlers „moralisches Ge­gen­bild“, der „kleine Mann aus den gleichen sozialen Umständen“, aber ohne Ideologie und mit entge­gengesetzter Moral war Johann Georg Elser. Er stellte sich Hitler entgegen, allein.

Warum aber wurde der Widerstand von Elser ver­drängt? Weil er nur ein typischer Einzelgänger aus den unteren Schichten der Bevölkerung war, der sonst zu keiner Gruppe gehörte. Dazu kam die Nazilegende, er sei vom briti­schen Geheimdienst bezahlt worden, also ein gedungener Mörder gewe­sen. Andere gingen davon aus, die Nationalsozialisten hätten das Attentat selbst inszeniert, um auf diese Weise den Mythos von Adolf Hitlers Unverletzbar­keit und sei­ner angeblichen Begünstigung durch die „Vorse­hung“ zu stärken. Das Hauptargument aber war wohl die unbequeme Tatsache, daß man Adolf Hitler sehr wohl hätte beseitigen können, und das durfte nicht wahr sein. Wenn ein solch einfacher Mensch er­kannt hatte, wohin es ging, dann stellen sich sehr viele andere, die zu ihrer Rechtfertigung sagen: „Wir haben nichts gewußt“, ein Armutszeugnis aus.

[1] Zu den folgenden Ausführungen s. auch: Rundbrief des IKLK 1997 Nr. 36 – Dezember 1997: Bedeutung des Tagebuchschreibens für Karl Leisner: 4–8 u. 2003 Nr. 47 – Februar 2003: Carl von Vogelsang: 54–67
[2] Gruchmann 1970: 81
[3] s. Tagebucheintrag 29.6.1945
[4] Gruchmann 1970: 7

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Vermutlich hat Karl Leisner nie Näheres über das Attentat und den Attentäter Georg Elser erfahren, obwohl er zeitweise mit ihm sowohl im KZ Sachsen­hausen als auch im KZ Dachau inhaftiert war.

Als Karl Leisner am 16. März 1940 ins KZ Sachsenhausen eingeliefert und im Kleinen Lager im Block 58 untergebracht wurde, befand sich seine Unterkunft nur wenige Meter vom Zellenbau entfernt, wo bereits seit Ende November 1939 bis zu seiner Verlegung in das KZ Dachau im Frühjahr 1945 auch der Hitler-Attentäter Georg Elser in strenger Einzelhaft gehalten wurde.

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Montag, 9. April 1945
Georg Elser, der am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller in Mün­chen ein Attentat auf Adolf Hitler verübt hatte, wurde auf Anordnung Heinrich Himmlers im KZ Da­chau erschossen. Am 9. April ließ Adolf Hitler auch pro­minente Wider­stands­kämpfer wie zum Bei­spiel den Chef der Deut­schen Ab­wehr, Admiral Wilhelm Canaris, General Hans Oster und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hinrichten.

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Rundbriefe

8. November 1939 - Attentat auf Adolf Hitler in München

Mit dem Attentat[1] des Johann Georg Elser auf Hit­ler am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller in München verbinden sich bis heute viele Spekula­tionen. Manche glauben, Elser habe Hintermänner in Deutschland gehabt, andere meinen, die Nazis hätten ihn finanziert, um dann die Vorsehung in bezug auf Hitler herauszustreichen, wieder andere vermuten den englischen Geheimdienst hinter dem Attentat. Es klingt auch zu unglaublich, daß da ein einzelner, ein Schreiner von der Schwäbischen Alb, fähig gewesen sei, eine Höllenmaschine zu erfinden, sie in eine Säule im Bürgerbräukeller einzubauen und damit Hitler - beinahe - umzubrin­gen.

[1] Die vorliegenden Ausführungen stützen sich auf:
Hoch, Anton: Das Attentat auf Hitler im Münchner Bür­gerbräukeller 1939, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 17 (1969) 583-413.
„Gegen Hitler - Gegen den Krieg!“ Elsers Attentat auf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräu­keller. Hrsg. Georg-Elser-Arbeitskreis, Heidenheim 1989.
Schlumberger, Hella: Hitlers wahrer Gegenspieler - Auf den Spuren von Johann Georg Elser, Sendung in Bayern 2 am Sonntag, dem 14. April 1996.
„Ich habe den Krieg verhindern wollen.“ Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939, Eine Dokumentation, Broschüre zur Ausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin vom 19.7. - 15.12.1997.

 

Anstatt Elser in einem Atemzug mit den Geschwi­stern Scholl und den Männern des 20. Juli zu nen­nen, erscheint er noch immer nur als eine Art Fuß­note der Weltgeschichte. In Schulbüchern wird er selten oder nur kurz erwähnt.

Wichtige Fragen stellen sich: Ist die Installierung einer Höllenmaschine im Saal des Bürgerbräukel­lers bei der Perfektion der damaligen Sicherheits­maßnahmen ohne Hilfe der Gestapo denkbar? Warum hat Hitler an jenem 8. November 1939 seine Rede nicht nur früher begonnen als in ande­ren Jahren, sondern auch früher als sonst und of­fenbar hastig beendet? Woher hatte der beschul­digte Elser das Geld, um so lange ohne Verdienst in München zu leben? Wie läßt sich erklären, daß Elser in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau bevorzugt untergebracht war? Und schließlich: warum hat man, wenn wirklich kein bestelltes Attentat vorlag, die für die Schutzmaß­nahmen verantwortlichen SS- und Polizeioffiziere nicht exemplarisch bestraft?

Anton Hoch kommt in seinem Artikel zu dem Ergebnis, daß die zur Verfügung stehenden Zeug­nisse eines bestellten Attentates einer Überprüfung nicht standhalten. Er stützt sich vor allem auf ein Protokoll der Vernehmung Elsers durch die Gestapo in Berlin in der Zeit vom 19.-23. Novem­ber 1939. Diese Vernehmung hatte zum Ziel, die so eifrig gesuchten Hintermänner ausfindig zu machen. Das Protokoll dieser Verhöre fand der Historiker Lothar Gruchmann 1964 eigentlich rein zufällig in den Akten des Reichsjustizministeri­ums. Es gilt bis heute als der wichtigste Zugang zum Denken und Handeln von Georg Elser.

Georg Elser wurde am 4. Januar 1903 in Herma­ringen, Kreis Heidenheim, als ältester Sohn gebo­ren. Seine Eltern, die 1904 geheiratet haben, besa­ßen in Königsbronn eine kleine Landwirtschaft. Er hatte fünf Geschwister: Friederike (* 1904), Maria (* 1906), Ludwig (* 1909), Anna (* 1910) und Leonhard (* 1913). Er war ein mittelmäßiger Schüler und wurde Schreiner. Im Frühjahr 1922 legte er als Bester die Gesellenprüfung ab und war seitdem als geschickter und passionierter Hand­werker geschätzt und beliebt. Beruflich hatte er ein wechselvolles Leben. Am liebsten arbeitete er zu Hause in seiner eigenen kleinen Werkstatt.

Elser war ein ruhiger und verschlossener Mensch, in seinen materiellen Bedürfnissen anspruchslos und sparsam. Er war ein Einzelgänger und fühlte sich offensichtlich niemandem freundschaftlich verbunden. Andererseits war er durchaus nicht unbeliebt, vor allem nicht bei Frauen. Elser ging mehrere Verhältnisse mit Frauen ein, seine Freun­din Mathilde Niedermann gebar ihm einen Sohn Manfred (* 1930), doch sie heiratete einen anderen. Er schloß sich auch nicht von Geselligkeit aus. Wie viele in seiner Familie machte er gerne und häufig Musik und gehörte in seiner Heimatstadt Königsbronn dem Zitherclub an. Besonders die Musik war es, die ihn lange Zeit regelmäßig unter die Leute brachte; bei Tanzveranstaltungen spielte er Kontrabaß.

Kontakte hatte Elser kaum, Briefe bekam er selten. Politisch war er nie hervorgetreten. Gewählt hatte er immer die KPD, weil er sie für eine Arbeiter­partei hielt, von der er annahm, daß sie sich für Arbeiter einsetze. Mitglied der Gewerkschaft des Holzarbeiterverbandes war er von berufswegen und im Rotkämpferbund war er zahlendes Mitglied. Politische Fragen hat er nicht eingehend studiert und auch nicht mit anderen diskutiert; er hatte aber seine eigene Meinung und das genügte ihm. Auf jeden Fall lehnte er den Nationalsozialismus und das neue Regime entschieden ab, und er war der Meinung, „daß Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeidlich ist ...“ National­sozialistischen Demonstrationen schenkte er keine Aufmerksamkeit; er verweigerte konsequent den „Hitlergruß“ und nahm auch nicht am gemein­schaftlichen Empfang von Hitlerreden im Rund­funk teil.

Es ist überraschend, wie sicher und richtig er über die politisch-militärischen Absichten der damali­gen Regierung geurteilt hat. Ein erstes und wichti­ges Motiv für seine Gegnerschaft gegenüber dem Nationalsozialismus war die Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft während der ersten Jahre des NS-Regimes. Die Konsequenz seines Denkens führte ihn wohl von selbst zu der Überlegung, die Verhältnisse könnten sich nur bessern, wenn das nationalsozialistische Regime verschwinde.

Im Herbst 1938, offensichtlich als sich die Sude­ten-Krise zu einem Krieg auszuweiten drohte, entschloß sich Elser, durch ein Attentat die Füh­rung (Hitler, Goebbels und Göring) zu beseitigen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wußte er, daß nun ein Weltkrieg bevorstand, und er machte ernst. Eine Gelegenheit hierzu sah er bei einer der großen Veranstaltungen wie dem jährlichen Erinnerungstreffen am 8./9. November, bei dem Hitler vor der Parteiprominenz seine traditionelle Rede hielt. Hier gedachte man in Bierdunst und Zigarettenqualm des Putschversu­ches von 1923[2]. Die Sicherheitsvorkehrungen waren nicht besonders streng. Tatsächlich fuhr er bereits am 8. November 1938 einmal nach Mün­chen und nahm als Zuschauer an den Veranstal­tungen teil. Er begab sich nach Beendigung der Feier am Abend in den Bürgerbräukeller, ging in den Saal und sah auch das Rednerpult, an dem Hitler immer sprach. Dabei fiel ihm auf, daß je­dermann zum Saal Zutritt hatte und daß keine Kontrolle oder Bewachung stattfand. Schon bald war er sich darüber im klaren, daß Anlaß, Zeit und Örtlichkeit für ein Attentat geeignet waren. Er plante, den Sprengstoff in die Säule hinter dem Rednerpodium einzubauen und ihn „durch irgend­eine Vorrichtung zur richtigen Zeit zur Entzün­dung zu bringen“. Wieder zu Hause, begann er zunächst mit der Sammlung von Sprengstoff. In der Firma Waldenmaier, bei der er beschäftigt war, entwendete er in den folgenden Monaten insgesamt 250 Preßstückchen Pulver, die er in Papier einge­wickelt unter der Wäsche in seinem Schrank ver­steckte. In der Osterwoche, am 4. April 1939, fuhr er erneut nach München, notierte sich die Maße der Säule und fertigte eine Handskizze an. Er machte sich damals Hoffnung, im Bürgerbräukeller eine Anstellung zu bekommen, was ihm die Vorbe­reitungen des Anschlages natürlich wesentlich erleichtert hätte. Aber das schlug fehl.

[2] Im Herbst 1923 war die innenpolitische Lage in Deutsch­land äußerst kritisch. Die Inflation hatte ihren Höhepunkt erreicht, französische Truppen hielten das Rheinland be­setzt. Nach gescheiterten kommunistischen Aufstandsversu­chen in Hamburg und Mitteldeutschland im Oktober ver­suchte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) den italienischen Faschisten Mussolini nachzu­ahmen und in Deutschland eine Diktatur zu errichten. Der „Führer“ der NSDAP Adolf Hitler erklärte am Abend des 8. November 1923 auf einer Kundgebung im Münchner Bürgerbräukeller die bayerische und die Reichsregierung sowie den Reichspräsidenten für abgesetzt.
Einen Tag später zogen die bewaffneten Putschisten durch die Münchner Innenstadt. Polizeieinheiten lösten diese Demonstration mit Waffengewalt auf. Dabei gab es 16 Tote. Hitler und einige seiner Anhänger wurden verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Hitler selbst wurde 1924 zur Mindeststrafe von fünf Jahren verurteilt, aber nach knapp einem Jahr aus der Haft entlassen.

 

Wenige Tage nach seiner Rückkehr aus München nahm er in Königsbronn eine Stelle als Hilfsarbei­ter in einem Steinbruch an. Er hatte dort nicht nur Gelegenheit, einige Erfahrungen im Sprengen zu sammeln, sondern er konnte sich wegen der man­gelnden Aufsicht auch Sprengpatronen und Sprengkapseln beschaffen.

Zunächst ging es nun darum, ohne die Verwen­dung einer Zündschnur die Sprengkapseln zur Entzündung zu bringen, und das zu einer im vor­aus festgelegten Zeit. Diese Fragen beschäftigten ihn Tag für Tag. Immer wieder fertigte er Skizzen, um sich allmählich über die Konstruktion seines Apparates klar zu werden. Wenn er beim Zeichnen oder Basteln ertappt wurde, gab er zur Antwort, das gebe eine „Erfindung“, ohne sich auf weitere Fragen einzulassen. Für weitere Planungen zog er im August 1939 nach München mit 400 Reichs­mark und dem festen Entschluß, die Naziführung in die Luft zu sprengen. Er hatte Uhrwerke, Sprengkapseln, Dynamitstangen im Geheimfach eines selber gebauten Holzkoffers dabei. Er zog zunächst in die Blumenstr. 19 zu Familie Bau­mann und am 1. September in die Türkenstaße 94 zu Familie Lehmann und arbeitete in den Werk­stätten benachbarter Handwerker an seiner „Erfin­dung“. Auf diese Hilfe war er angewiesen, da er ja keine eigene Werkstatt in München hatte. Mehrere Nächte (30-35), eingeschlossen auf der Galerie im Bürgerbräukeller, arbeitete er am Einbau seiner Höllenmaschine in die Säule, vor der Hitler zu reden pflegte. Er nahm zwischen 20.00 und 22.00 Uhr im Wirtschaftsraum ein einfaches Essen zu sich, begab sich anschließend auf die Galerie und wartete in einem Versteck, bis der Saal abgesperrt und alles ruhig war. Erst dann fing er mit der Ar­beit an, die er gegen 2.00 bis 3.00 Uhr früh been­dete. Den Rest der Nacht döste er in seinem Ver­steck. Sobald der Saal wieder geöffnet wurde, ver­ließ er ihn durch den rückwärtigen Eingang über das Brauereigelände zur Kellerstraße. Er fiel nie auf und wurde beim Verlassen des Saales auch nie zur Rede gestellt. Dieser kleine, ruhige und be­scheidene Mann hatte absolut nichts Auffälliges an sich.

Von seiner streng religiösen Mutter hatte er das Vaterunser gelernt, das er von Zeit zu Zeit betete; vor dem Anschlag war er öfter in der Kirche. Er sagte: „Wenn ich gefragt würde, ob ich die von mir begangene Tat als Sünde im Sinne der protestanti­schen Lehre betrachte, so möchte ich sagen, im tieferen Sinne nein!“

Hätte am 8. November 1939 kein Nebel geherrscht, so daß Hitler gezwungen war, statt des Flugzeuges den Zug von München nach Berlin zu nehmen und daher nicht eineinhalb Stunden redete, wäre der Anschlag gelungen. Hitler begann seine Rede um 20.10 Uhr und kam um 21.07 Uhr zu einem ra­schen Ende. Unmittelbar danach verließ er mit seiner Begleitung den Saal. Um 21.20 Uhr explo­dierte dann die Bombe und um 21.31 Uhr fuhr sein Sonderzug von München ab. Acht Tote und über 60 Verletzte lagen unter den Trümmern, denn nicht nur die Säule hinter Hitlers Rednerpult war zerstört, sondern auch die gesamte Saaldecke her­abgestürzt.

Elser kam am 8. November gegen 20.00 Uhr in Konstanz an, wartete die Ablösung der Wachpo­sten ab und näherte sich zwischen den Zollämtern Kreuzlinger Tor und Emmishofer Tor der Grenze, um sie illegal zu überschreiten. Als er aus dem Radio des Wessenbergschen Erziehungsheimes die Übertragung der Rede Hitlers hörte, hielt er einige Zeit an. Offensichtlich verließen ihn da die Ner­ven, sonst hätte er vielleicht rechtzeitig die beiden Zöllner bemerkt, die ihn dann gegen 20.45 Uhr verhafteten und auf die Wache brachten. Man fand belastende Gegenstände: eine Postkarte vom Bür­gerbräukeller, ein Abzeichen des Roten Front­kämpferbundes, Teile eines Zünders und Auf­zeichnungen über deutsche Waffenproduktionen. Er wurde nach München gebracht und im Wittels­bacher Palais, der Münchner Gestapo-Zentrale, verhört und gefoltert. In der Nacht vom 13. auf den 14. November gestand er, allein der Attentäter gewesen zu sein. „Ich wollte ja durch meine Tat nur noch größeres Blutvergießen verhindern“, sagte er beim Gestapoverhör. Hintermänner machte man nicht ausfindig, und der große Schau­prozeß sollte erst nach dem Krieg stattfinden. So kam Elser als Sonderhäftling in Einzelhaft ins KZ Sachsenhausen und im Winter 1944/45 ins KZ Dachau, aufbewahrt offensichtlich für den großen Schauprozeß gegen England nach dem „Endsieg“. Mehr als fünf Jahre mußte er in totaler Isolation leben, durfte aber wohl in einer geräumigen Zelle auf einer Hobelbank Tischlerarbeiten ausführen. So baute er sich auch eine Zither, auf der er manch­mal spielte.

Als der Ausgang des Krieges auch für den größten Optimisten klar sein mußte und Elser daher für den vorgesehenen Zweck nicht mehr verwendet werden konnte, wurde er in Dachau ohne Prozeß und ohne Urteil am 9. April 1945 erschossen. Es war übrigens der gleiche Tag, an dem Hitler pro­minente Widerstandskämpfer wie Admiral Cana­ris, General Oster, Pfarrer Dietrich Bonhoeffer und andere hinrichten ließ. Der Zeitpunkt macht deut­lich, daß Georg Elser zu den bedeutenden Wider­standskämpfern gegen den Nationalsozialismus zählte. Er wurde erschossen, weil er als erster dem Ziel, Hitler zu töten, denkbar nahe gekommen war.

Den „kleinen Mann“ Elser haben die Eigenart seines Falles, dessen Behandlung durch die Machthaber und das Vorurteil der Zeitgenossen um die verdiente Anerkennung seiner Tat und um jeden Nachruhm gebracht. Der englische Histori­ker Joseph Peter Stern[3] schrieb 1975, daß man „Hitlers wahren Antagonisten“ nicht beim Militär und nicht bei Junkern, nicht beim Klerus und nicht unter den Juden fand; Hitlers „moralisches Gegen­bild“, der „kleine Mann aus den gleichen sozialen Umständen“, aber ohne Ideologie und mit entge­gengesetzter Moral war Johann Georg Elser. Er stellte sich Hitler entgegen, allein.

[3] Joseph Peter Stern wurde 1920 in Prag geboren. Nach Hitlers Besetzung der Tschechoslowakei emigrierte er nach England. Er ist heute Professor für deutsche Literatur am University College in London.

 

Warum aber wurde der Widerstand von Elser ver­drängt? Weil er nur ein typischer Einzelgänger aus den unteren Schichten der Bevölkerung war, der sonst zu keiner Gruppe gehörte. Dazu kam die Nazilegende, er sei vom britischen Geheimdienst bezahlt worden, also ein gedungener Mörder gewe­sen. Andere gingen davon aus, die Nazis hätten das Attentat selbst inszeniert, um auf diese Weise den Mythos von Hitlers Unverletzbarkeit und sei­ner angeblichen Begünstigung durch die „Vorse­hung“ zu stärken. Das Hauptargument aber war wohl die unbequeme Tatsache, daß man Hitler sehr wohl hätte beseitigen können, und das durfte nicht wahr sein. Wenn ein solch einfacher Mensch er­kannt hatte, wohin es ging, dann stellen sich sehr viele andere, die zu ihrer Rechtfertigung sagen: „Wir haben nichts gewußt“, ein Armutszeugnis aus.

Die Tragik Elsers ist eine dreifache: Er konnte nicht wissen, daß Hitler nicht so lange wie sonst reden würde, also ging die Bombe zu spät los. Dann wurde Elser 20 Meter vor der Grenze zur rettenden Schweiz gefaßt, weil er ein wenig inne­gehalten hatte, um der Übertragung der Rede Hit­lers aus dem Volksempfänger eines Hauses an der Schweizer Grenze zu lauschen und sich so zu ver­gewissern, ob seine Erfindung funktioniert hatte. Schließlich wurde er im KZ Dachau am 9. April 1945 im Vorraum des Krematoriums erschossen, kurz bevor die Amerikaner zur Befreiung kamen.

Hans-Karl Seeger

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Am 9. November jährt sich zum sechzigsten Mal der Tag der Verhaftung Karl Leisners. Wir wollen dabei auch Georg Elsers gedenken, der als einzel­ner etwas gegen den unheilvollen Adolf Hitler unternommen hat. Was hätten sich Karl Leisner und Georg Elser zu sagen gehabt, wären sie sich im KZ Dachau begegnet?

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9. November 1939 - Ereignisse in St. Blasien

Den dramatischen Ereignissen am 8. November 1939 in München folgten ebenso dramatische in St. Blasien. Aus den zugrundeliegenden Zeugnis­sen[4] läßt sich folgendes rekonstruieren:
Um 6.00 Uhr nahm Karl Leisner in Soutane an der Schwesternmesse in der Hauskapelle teil. Er setzte sich ans Harmonium und begleitete die Lieder. Die Krankenschwester Maturina feierte ihren Na­menstag, so erklangen ihre Lieblingslieder „Erde singe, daß es klinge“[5] und als Schlußlied das Ma­rienlied „Maria breit den Mantel aus ...“[6]

Nach dem Gottesdienst ging er in sein Zimmer Nr. 201, wohin ihm Schwester Almerich das Frühstück brachte, da im Speisesaal erst ab 7.30 Uhr gefrüh­stückt wurde. Das Radio meldete in den Morgen­nachrichten um 7.00 Uhr das mißglückte Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller in München. Karl Leisner bewohnte, wie auch Johann Krein, ein Einzelzimmer, gemeinsam aber teilten sie eine Terrasse. Der Chefarzt Dr. Melzer hatte Karl Leis­ner den psychisch angeschlagenen Johann Krein eigens als Nachbarn gegeben, weil er sich einen beruhigenden Einfluß auf diesen erhoffte. Johann Krein hatte auch von dem Attentat erfahren und war glücklich, daß Hitler nichts passiert war. Von der Terrasse aus kam er in das Zimmer von Karl Leisner, um ihm die Neuigkeit mitzuteilen. Karl Leisner wußte aber schon Bescheid und sagte: „Schade, daß er nicht dabei gewesen ist.“ Obwohl Johann Krein um die Einstellung Karl Leisners wußte, war er über diese Äußerung entsetzt und verließ fassungslos das Zimmer. Bald fanden sich weitere Zimmer­nachbarn auf der Terrasse ein und sprachen über das Attentat. Jeder beteuerte in sei­ner Art, wie verachtungswürdig diese Tat gewesen sei. Den anderen fiel auf, wie einsilbig Johann Krein blieb. Als sie ihn nach seiner Meinung frag­ten, antwortete er: „Nicht alle denken so wie Ihr und ich.“, wobei er mit dem Kopf zu Karl Leisners Zimmer wies. Ein Patient aus der Gegend von Magdeburg drang sofort auf ihn ein und wollte Näheres wissen. Auf sein wiederholtes Drängen hin erzählte Johann Krein, was Karl Leisner gesagt hatte. Krein beschrieb die Situation so: „Der Herr war im Nu von der Terrasse verschwunden, und ich sah ihn nach wenigen Minuten unten auf der Straße. Trotz meines wiederholten Rufens blieb er nicht stehen, sondern ging eilenden Schrittes Richtung St. Blasien. Schließlich lief ich ihm nach, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten, und dann, als er mir drohte, mich auch anzuzei­gen, wenn ich ihn nicht begleitete, ging ich mit zur Ortsgruppe. Dort bestätigte ich dann blutenden Herzens, was mein Begleiter vortrug, und ich tat dies auch später gegenüber den vernehmenden Herren der Partei. Ich stellte Herrn Leisner als einen guten ehrlichen Kameraden hin, aber was half das schon.“

Der Ortsgruppenleiter Adolf Wehrle setzte sich sofort mit dem zuständigen Kreisleiter der Partei in Neustadt, Herrn Benedikt Kunert (geb. 20.3.1889) in Verbindung, und erstattete Anzeige. Zwei Stun­den später erschien der Kreisleiter im Fürstabt-Gerbert-Haus in St. Blasien mit zwei Beamten der Geheimen Staatspolizei. Karl Leisner, noch in Soutane[7], wurde von seinem Zimmer zum Verhör ins Empfangszimmer, welches zugleich Bibliothek für die Kranken war, geholt. Die Parteileute woll­ten, daß Schwester Marcella das Protokoll schreibe, aber die Hausoberin hatte den Mut, es ihr nicht zu erlauben. So tat es schließlich die Sekretä­rin des Chefarztes, Frl. Eckfellner. Das Verhör, das gegen 9.00 Uhr begonnen hatte, dauerte nicht allzu lange. Johann Krein mußte wiederholen, was er von Karl Leisner gehört hatte und Karl Leisner stritt nichts ab[8], sondern stand zu seiner Aussage. So war gegen 10.00 Uhr alles beendet. Johann Krein schrieb dazu: „Daß mir seine Inhaftierung furchtbar war, brauche ich nicht zu schildern, das sahen alle, die um mich im Geschäftszimmer des Hauses herumstanden. Es war mir dann noch Ge­legenheit geboten, mich von H. Leisner allein zu verabschieden. Der Schreck saß mir, als ich mich ihm in der Kurhalle näherte, dermaßen in den Gliedern, daß ich mich kaum bewegen konnte. Er drückte mir feste die Hand, sagte, als er mein tot­bleiches Antlitz sah, ich solle es nicht zu sehr zu Herzen nehmen, gab mir jedoch zu verstehen, daß er das Schlimmste befürchte.“

Karl Leisner verließ das Sanatorium, eskortiert von den beiden Beamten, und wurde noch am selben Tag ins Freiburger Gefängnis[9] eingeliefert. An Heinrich Tenhumberg, den späteren Bischof von Münster, schrieb Karl Leisner am 15. Dezember 1939: „Ich weile hier - welch plötzl. Veränderung - seit 9.XI. abds. - in carcere[10].

[4] Brief des Johann Krein an die Patres Pies und Pereira, siehe Rundbrief Nr. 35, Seite 24-27.
Zeugenaussagen von Sr. Maria Marcella Nold, Vinzentine­rin, im Seligsprechungsprozeß, siehe Congregatio de Causis Sanctorum. P.N. 1332, Positio super Martyrio Vol. II., Seite 575-586.
Handschriftliche Aufzeichnungen von Sr. Maria Marcella Nold vom 9.11.1974.
Otto Pies, Stephanus heute - Karl Leisner, Priester und Opfer, Kevelaer 1950, Seite 99ff.
René Lejeune, Wie Gold im Feuer geläutert - Karl Leisner 1915-1945, Hauteville 1991, Seite 207f.
Eine große Hilfe bei der Zusammenstellung des Materials war Herr Rektor Hermann Gebert, Simmern.
[5] Kirchenlied Nr. 2.
[6] Gotteslob Nr. 595 (heute in neuer Melodie).
[7] Sr. Maria Marcella Nold sagte im Seligsprechungsprozeß aus: „Später ist der Talar (Soutane) der Schwester zurück­geschickt worden; er sei sehr verschmutzt gewesen, so daß man annehmen muß, daß der Diener Gottes sich hat erbre­chen müssen.“
Karl Leisners Schwester, Elisabeth Haas, weiß etwas von einem Anzug, der nicht restlos zu reinigen war, und den ihr Mann nach dem Krieg von Karl Leisners Eltern geschenkt bekam.
[8] Sr. Maria Marcella Nold sagte im Seligsprechungsprozeß aus: „Ich habe gehört, daß der Kreisleiter gefragt habe, ob er mit dem Wörtlein ´schade´ Hitler gemeint habe. Der Diener Gottes habe darauf geantwortet ´ja´“.
[9] Sr. Maria Marcella Nold sagte im Seligsprechungsprozeß aus: „Ich weiß ... , daß unser Chefarzt an die Ärztin des Ge­fängnisses in Freiburg einen Bericht geschrieben hat, in dem gestanden hat: ´Wegen der Krankheit steht der Gefan­genschaft nichts im Wege´.“
[10] Im Gefängnis.

Hans-Karl Seeger

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Montag, 7. August 2000

Das Scheitern – Die nicht gestellte Frage – St. Blasien

Parzival gelangte auf seinem Weg durch den Wald an eine Burg, wo man für ihn die Zugbrücke her­unterließ. Es war die Gralsburg. Er wurde zu Tisch geladen und durfte an der Seite des Gast­gebers Platz nehmen. So erlebte er den Gral.

Parzival wunderte sich über all das Geschehen und hätte gar zu gerne gefragt, aber da ihm Gurnemanz eingeschärft hatte, keine unnützen Fragen zu stel­len, wollte er durch ungeschicktes Benehmen nicht auffallen. [...] eine einzige Frage an seinen freund­lichen Gastgeber, der an seiner unheilbaren Wunde dahinsiechte, hätte genügt, um ihn von seinen Qualen zu erlösen.[1]

Wegen der Unterlassung mußte Parzival die Burg verlassen.

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Bei Karl Leisner handelt es sich nicht um eine un­terlassene Frage, vielmehr machte er im Lun­gensa­natorium Fürstabt-Gerbert-Haus in St. Blasien sei­nem Mitpatienten Johann Krein gegenüber eine Bemerkung, die seinen gesamten weiteren Lebens­weg veränderte. Am 8. November 1939 verübte Georg Elser in München ein Attentat auf Adolf Hitler, dem dieser jedoch auf Grund äußerer Um­stände entging.

Auch Johann Krein hatte von dem Atten­tat er­fahren und war glücklich, daß Hitler nichts passiert war. Von der Terrasse aus kam er in das Zimmer von Karl Leisner, um ihm die Neuigkeit mitzutei­len. Dieser aber wußte schon Bescheid und sagte: „Schade, daß er nicht dabei gewesen ist.“[3]

Obwohl Johann Krein um die Einstellung Karl Leisners wußte, war er über diese Äußerung entsetzt und verließ fassungslos das Zimmer. Bald fanden sich weitere Zimmer­nachbarn auf der Terrasse ein und sprachen über das Attentat. Jeder beteuerte in sei­ner Art, wie verachtungswürdig diese Tat gewesen sei. Den anderen fiel auf, wie einsilbig Johann Krein blieb. Als sie ihn nach seiner Meinung frag­ten, antwortete er: „Nicht alle denken so wie Ihr und ich.“, wobei er mit dem Kopf zu Karl Leisners Zimmer wies. Ein Patient aus der Gegend von Magdeburg drang sofort auf ihn ein und wollte Näheres wis­sen. Auf sein wiederholtes Drängen hin erzählte Johann Krein, was Karl Leis­ner gesagt hatte. Krein beschrieb die Situation wie folgt:

Der Herr war im Nu von der Terrasse verschwun­den, und ich sah ihn nach wenigen Minuten unten auf der Straße. Trotz meines wiederholten Rufens blieb er nicht stehen, sondern ging eilenden Schrit­tes Richtung St. Blasien. Schließ­lich lief ich ihm nach, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten, und dann, als er mir drohte, mich auch anzu­zei­gen, wenn ich ihn nicht begleitete, ging ich mit zur Orts­gruppe. Dort bestä­tigte ich dann blutenden Her­zens, was mein Beglei­ter vortrug, und ich tat dies auch später gegenüber den vernehmenden Herren der Partei. Ich stellte Herrn Leisner als einen guten ehrlichen Kameraden hin, aber was half das schon.[4]

Im KZ Dachau stellte Karl Leisner eine hilfreiche Frage. Davon gibt ein KZler Zeugnis:
Ich [Giovanni Incerpi] war wie alle ande­ren auch nur noch Haut und Kno­chen. Aber viel mehr als der Hunger haben mir das Fie­ber zu schaffen gemacht – und der Durst. Als ich er­kannte, daß meine Lungen löchrig waren wie ein Sieb, begriff ich, daß es für mich nicht mehr die kleinste Hoff­nung gab. Da traf ich Pater Karl. Als ich meine Ba­racke mit der Nr. 29 verließ, schüt­telte mich das Fieber und nach etwa 20 Metern be­kam ich keine Luft mehr. Ein Hustenanfall zwang mich zum Ste­henbleiben, und an die Wand gelehnt spuckte ich Blut. Ich wußte: das ist das Ende. Eine Stimme zerstreute die dunk­len Gedanken: „Na, Italiener, geht´s dir nicht gut?“ Diese Frage war ernst ge­meint von dem, dessen hageres Gesicht freundlich ist und des­sen Augen hinter den Bril­lengläsern lächeln. Wir trugen beide das rote Dreieck der „Politischen“, er hatte ein Kreuz für Prie­ster auf seinem Hemd und ich ein IT für Ita­liener. Zwi­schen mir, dem Par­tisanen, und ihm, dem Priester, entwickelte sich ein Ge­spräch. Das wiederholte sich in den folgen­den Tagen. Er verbrei­tete Opti­mismus: die Alliierten seien nicht mehr weit, die Befreiung nur noch eine Frage von Ta­gen. So hat er mir das Leben gerettet. Ohne ihn hätte ich diese letzten Tage in all meiner Verzweiflung nicht überstanden.

Wer dieser Retter war, habe ich erst jetzt her­aus­gefunden, als ich die Zeitungsfotos von je­nem Priester sah, den Johannes Paul II. selig­gesprochen hat. So kam mir nach über 50 Jah­ren die Er­kennt­nis: mein Leben habe ich Karl Leisner zu verdan­ken. Und auch: der nach au­ßen hin so opti­mistisch wirkende Mitgefangene war viel kränker als ich – und vermutlich wußte er das auch.

Vielleicht wäre Karl Leisner ein guter Predi­ger gewesen oder ein beliebter Beicht­vater, viel­leicht wäre er sogar ein mutiger Bischof gewor­den – wenn er nur in eine andere Zeit hineinge­boren wäre. So hat er die frohe Bot­schaft im Verborgenen ver­kündet und Hoff­nungslosen wie mir damit das Le­ben geret­tet.[5]

[1] Horst Obleser, Parzival auf der Suche nach dem Gral, Leinfelden-Echterdingen 1997 S. 64.
[3] In einem Brief des Ordenssuperiorats der barmherzi­gen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul (Frei­burg im Breisgau, Zähringerstraße 10) vom 15.11.1939 an das Hochwürdigste Erzbischöfliche Ordina­riat [Freiburg] heißt es:
Von zuverlässiger Seite erfahre ich Folgendes: Im Fürstabt-Gerbert-Haus St. Blasien war als Patient ein katholischer Theologe, gebürtig aus Münster in Westfalen, Sohn eines Ju­stizrates. Dieser Theologe hat einem Patienten gegenüber sein Bedauern dar­über ausgesprochen, daß er dem Attentat in München nicht zum Opfer fiel. Der Aus­spruch wurde dem Bür­germeisteramt mitgeteilt, der Kreisleiter nahm sich des Falles an. Dem Kreisleiter gegenüber erklärte der Theologe, daß er unter dem er den Führer ver­standen habe. Der Theologe wurde festgenommen und soll im Frei­burger Ge­fängnis sein. Dieses Vor­kommnis gebe ich, da es sich um einen Theolo­gen handelt, zur Kenntnis.
Hochwürdigstem Erzbischöflichem Ordinariate erge­benster E.R. Schlattner.

[4] Brief vom 12.3.1946 an die Jesuitenpatres Otto Pies und Clemente Pereira.
[5] „Kirche Intern 9/96“ S. 36f.

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Vom Täter Georg Elser und Bekenner Karl Leisner zum anerkannten Widerstandskämpfer und seligen Martyrer

Unter diesem Thema wurde zum Jahrestag des Attentates auf Adolf Hitler vor 60 Jahren am 8. November 1939 jeweils eine Ausstellung in Bre­men und Königsbronn über Karl Leisner mit Hin­weisen auf Georg Elser eröffnet. In Bremen ge­schah dies durch das „Bil­dungswerk der Katholiken im Lande Bremen“ und mit der „Georg-Elser-In­itiative Bremen“ in Zusammenarbeit mit der Bre­mer Volkshochschule und der PAX CHRISTI Gruppe Bremen im Kolpinghaus, während in Kö­nigsbronn, dem Wohnort von Georg Elser, der Georg-Elser-Arbeitskreis in Zusammenarbeit mit der Lan­deszentrale für politische Bildung Baden-Württem­berg die Ausstellung initiiert hatte. Bei beiden Ausstellungen hielt ich den Eröffnungsvor­trag, in Königsbronn auch die Predigt in den beiden der Eröffnung vorausgehenden Sonntags­messen.

Georg Elser und Karl Leisner sind sich nie begeg­net, und doch sind ihre Ansichten und Ideen sehr verwandt. Zweimal waren sie sich auch räumlich sehr nahe: nämlich in den KZ Sachsenhausen und Dachau. Georg Elser kam nach seinem letzten Ver­hör am 23. November 1939 als Sonder­häftling ins KZ Sachsenhausen und blieb dort bis Ende 1944/Anfang 1945, anschließend war er bis zu seiner Ermordung am 9. April 1945 Sonderhäft­ling im KZ Dachau. Karl Leisner kam nach Ge­fängnis­aufenthalten in Freiburg und Mannheim am 16. März 1940 ins KZ Sachsenhausen und am 14. De­zember 1940 ins KZ Dachau, aus dem ihn Pater Otto Pies SJ am 4. Mai 1945 herausholte. Er starb am 12. August 1945 im Waldsanatorium Planegg bei Mün­chen.

Es ist interessant, diese beiden Männer zu verglei­chen und sich einen fiktiven Dialog zwischen ihnen vorzustellen, falls sie sich begegnet wären. Man­ches haben sie gemeinsam, anderes ist ganz gegen­sätzlich.

Es bedurfte einer großen Anstrengung vieler Men­schen und dauerte eine enorme Zeit, bis der Atten­täter Georg Elser – Kö­nigsbronn hieß lange Zeit „Attentatshausen“ – als Widerstandskämpfer aner­kannt und der Beken­ner Karl Leisner als Martyrer seliggesprochen wurde. Lange wollte man nicht glauben, ein einzelner könne etwas gegen Hitler unternehmen, ohne eine Gruppe Gleichgesinnter hinter sich zu haben. Manche Menschen verstehen nicht, daß ausgerechnet Karl Leisner seliggespro­chen wurde, obwohl doch andere viel mehr gelitten hätten und es einem Seligen außer­dem schlecht anstehe, einem Menschen den Tod gewünscht zu haben. Inzwischen gibt es Wanderwege, Straßen, Plätze und Häuser, die nach Karl Leisner bezie­hungsweise Georg Elser benannt sind.

Adolf Hitler besiegelte das Schicksal dieser beiden Män­ner unseres Vaterlandes: Karl Leisner aus dem Nordwesten – vom Nie­derrhein – und Georg Elser aus dem Südosten – aus Schwaben. Ohne ihn wäre ihr Leben und Sterben gewiß anders verlaufen. Ihr Schicksal bringt sie zweimal auf Grund ihrer räum­lichen Nähe eng zusammen; doch selbst, wenn sie umeinander gewußt und es gewollt hätten, wäre es ihnen nicht möglich gewe­sen, zueinan­der zu kom­men. Während Georg Elser sowohl im KZ Sach­senhausen als auch im KZ Dachau in Einzelhaft war, befand sich Karl Leisner mit vielen Mitbrü­dern in einem Ba­rackenraum.

Der Glaubenssatz „Da kann man allein nichts ma­chen“ ließ lange nicht anerkennen, daß Georg Elser als Einzelner etwas unternommen hatte, das bei­nahe geglückt wäre. Welche Voraussetzungen müs­sen erfüllt sein, damit solch ein Glaubenssatz durchbrochen wird: Einzelgänger, starkes Motiv ...?

Karl Leisner und Georg Elser wollten beide Leben beschüt­zen. Bei Karl Leisner war es bis in die Se­ligsprechung hinein eine Frage, ob das „Schade!“, das sich auf das Nicht-getötetwerden eines Men­schen bezog, in diesem Fall Adolf Hitler, nicht gegen eine Seligsprechung spreche. Georg Elser wollte das Leben unschuldiger Menschen retten. Das Scheitern seines Unternehmens hat er selbst als Zeichen dafür gedeutet, daß es gegen den Willen Gottes erfolgt sei.

Karl Leisner war als Deutscher und als Mensch seiner Zeit betroffen vom Trauma der Nie­derlage nach dem Ersten Weltkrieg und der Revo­lution seines Volkes, die Nährboden für Adolf Hitler war. Es ist bemerkenswert, wie früh Karl Leisner diesen durchschaute. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er dem Impuls, Politiker zu wer­den, nachge­geben hätte? Wie hätte dann sein Wi­derstand gegen das Unrechtsregime ausgesehen?

Hitler ist zwar seit dem 30. April 1945 tot, Karl Leisner hat ihn um wenige Monate überlebt, und die Deutschen sind von Hitler befreit worden, aber er ist in ihrer Geschichte festgeschrieben als Erin­nerung an das, was man nicht für möglich gehalten hatte: die systematische Vernichtung von Millionen von Menschen.

Karl Leisner war ein Mensch des Widerstandes aus religiöser Überzeu­gung. Diese bestimmte sein eige­nes Handeln und er versuchte sie auch anderen nahezubringen. Er war kein Einzelkämpfer wie Georg Elser, gehörte aber auch keinem Wider­standskreis an wie zum Beispiel Pater Alfred Delp SJ. Sein Wider­stand bestand darin, ohne große Vor­sicht oder Ängstlichkeit seine christliche Überzeu­gung zu leben und vorzuleben und so vor allem jungen Men­schen Orientierung zu geben. Wie ernst er seine Über­zeugung nahm, zeigt sich darin, daß er nichts von dem zurücknahm, wovon er über­zeugt war, als er einem vertrauten Menschen ge­genüber nach dem Attentat auf Hitler 1939 geäußert hatte: „Schade, daß er nicht dabei gewesen ist.“ Er verriet auch nicht seine Überzeugung, als er damit vermut­lich aus dem Konzentrationslager hätte freikommen können. Wie sehr Karl Leisners Leben Widerstand und Protest war, zeigt sich darin, in welchem Maße die Natio­nalsozialisten bestrebt waren, ihn un­schädlich zu machen. Karl Leisner war im wörtli­chen Sinn ein katholischer – ein alles umfassender – Mensch. Als solcher wurde er stellvertretend für viele andere Widerstandskämpfer von der Kirche selig­gesprochen, als solcher vermag er vor allem jungen Menschen unserer Zeit Orientierung zu sein.

Was wir von Georg Elser wissen, stammt vor­nehmlich aus seiner Vernehmung bei der Gestapo, veröffentlicht in: Lothar Gruchmann (Hrsg.), Auto­biographie eines Attentäters – Johann Georg Elser, Aussage zum Sprengstoffanschlag im Bürgerbräu­keller, München am 8.11.1939, Stuttgart 1970.

Von Karl Leisner wissen wir viel aus seinen Tage­büchern und Briefen. Vielleicht ist es reiz­voll, fol­genden fiktiven Dialog weiterzuführen:

Karl Leisner:
„Georg, es ist doch wirklich schade, daß Dein Plan durch Unbillen der Natur vereitelt wurde!“

Georg Elser:
„Ja, jammerschade. Wie anders sähe unser Leben und das Leben anderer aus, die noch leben oder am leben geblieben wären. Ich wollte durch meine Tat noch größeres Blutvergießen verhindern.“

Karl Leisner:
„Wann ist Dir klar geworden, daß es Krieg und Blut­vergießen geben würde?“

Georg Elser: „...................“

Hans-Karl Seeger

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Georg Elser Gedenken

Tagung in seiner schwäbischen Heimat

Auf die Minute genau vor 63 Jahren geschah, woran am 8. November 2002 auf der Bühne der KulturTankstelle Mörickestraße 19 in Heidenheim a. d. Brenz erinnert wurde. Die Rede ist von jenem Attentat, mit dem 1939 im Münchener Bürgerbräu­keller ein Einzelner das Schicksal nicht nur des deutschen Volkes zu einem Zeitpunkt zu wenden versuchte, als der Weltenbrand gerade entzündet war.[1] Dargestellt wurde das Verhör des Wider-stands­kämpfers Georg Elser durch den Ge­stapochef Nebe. Einleitend wurden Originalaus­schnitte von der Hitlerrede eingespielt, ehe der Häftling, durch ein unerbittliches Verhör getrieben, nicht nur die historischen Zusammenhänge, sondern auch seine Motivationen und Nöte offen legte. Der Schau­spieler Gino Pommerenke „las“ höchst ein­drucks­voll aus den Originalprotokollen der Ge­stapo. Den konzentrierten Zuhörern trat die ganze Ausweglo­sigkeit des damals 36jährigen einfachen Kunst­schreiners Georg Elser vor Augen, der in hohem Verantwortungsbewußtsein über ein ganzes Jahr die Tat bewundernswert präzise vorbereitet hat, mit seinen Entscheidungen immer einsamer geworden ist und schließlich durch unerwarteten November­nebel sein Ziel um 13 Minuten verfehlt.[2] Der Autor dieser szenischen Collage, Manfred Maier, las selbst, in typischem Ledermantel und Stiefeln ge­kleidet, breitbeinig vor einem Pult ste­hend die scharfen Fragen und Vorwürfe der Ge­stapo. Das szenische Zwischenspiel des Saxophoni­sten Harry Berger gab in einfühlsamer Weise der allgemeinen Betroffenheit Ausdruck.

Dieser Abend war Programmpunkt einer Ta­gung am 8. und 9.11.02 in Königsbronn, zu der die Landeszentrale für politische Bildung des Landes Baden-Württemberg verschiedene Initiativen und Gruppen eingeladen hatte, denen es um das Ver­mächtnis von Einzelpersonen des Widerstands gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geht. In zwei Artikeln zum 8. und 9. November 1939 hat Hans-Karl Seeger im Rundbrief des IKLK Nr. 36 von Dezember 1997 (S. 4–10) auf die Schicksals­gemeinschaft von Georg Elser und Karl Leisner hingewiesen: Die Äußerung seines Bedau­erns über das Mißlingen des Münchener Attentats ist Karl Leisner zum Verhängnis geworden. (We­gen zu­stimmender Äußerungen zu diesem Attentat sind übrigens noch viele andere von der Gestapo ver­folgt worden. In Düsseldorf sind ca. 70 Personen­akten erhalten, in Würzburg 16, in Speyer 58. Ein Gastwirt in Neunkirchen, Saarland, hat durch ein Sondergericht zwei Jahre Haft erhalten und ist anschließend nach Auschwitz deportiert worden, wo er umgekommen ist.[3]) Durch die Re­cherchen nach Georg Elser ist eine Verbindung zur Elser-Initiative Königsbronn entstanden. Im Rah­men der Einweihung der Elser-Gedenkstätte 1998 ist die Karl-Leisner-Ausstellung „Menschenliebe – Glau­benstreue – Hoffnungszeichen“ gezeigt wor­den, zu deren Eröffnung Herr Seeger gesprochen hat. Diesmal hat der Berichterstatter den IKLK bei der Tagung vertreten.

Außer dem IKLK waren noch Elser-Gruppen aus Bremen, Königsbronn und München vertreten. Wegen der etwas kurzfristigen Einladung hatten einige Initiativen leider absagen müssen. Trotz der überschaubaren Teilnehmerzahl konnte aber ein fruchtbarer Erfahrungsaustausch stattfinden, der auch für die Arbeit des IKLK wertvolle Hinweise und den lesenswerten Artikel von Ulrich Renz für diesen Rundbrief erbrachte. Die Zusammenarbeit soll auch in Zukunft weitergehen und um weitere Gruppen ergänzt werden. Der Tagungsort Königs­bronn ist zwar sehr abgelegen, empfiehlt sich aber weiter aus zwei Gründen:

Hier hat nicht nur Elser mit seinen Eltern gelebt, ist hier aufgewachsen und hat als Junggeselle im Nachbardorf Schnaitheim gewohnt, sondern in dieser Region haben auch erschreckend viele Men­schen im Anschluß an das Attentat die ganze Härte der Gestapo zu spüren bekommen und nach dem Krieg die vielerorts typischen Probleme der Aufar­beitung durchgemacht. Insofern ist es ein histori­scher Ort, der exemplarisch sein kann für viele west- und ostdeutsche Regionen ebenso wie für Erfahrungen in vielen deutschen Familien der letz­ten Generationen.

Zu diesem in der Sache begründeten Grund kommt ein zweiter, der nicht unterschätzt werden sollte: Obwohl nicht der Komfort moderner Ta­gungshäuser geboten werden kann, so begegnet man hier doch einer Gastfreundschaft, wie sie nur ganz selten zu finden ist: Der für die Organisation vor Ort zuständige Leiter der Elser-Gedenkstätte, Herr Joachim Ziller, hat nicht nur als Leiter des Haupt­amtes der Gemeinde Königsbronn im Rat­haus den Tagungsraum zur Verfügung gestellt, sondern sich gemeinsam mit seiner Sekretärin, Frau Busse, in ungewöhnlich aufmerksamer Weise um seine Gäste ganz persönlich gekümmert. Er wird gleiches auch bei zukünftigen Tagungen tun. Dafür gilt ihm herz­licher Dank und hohe Anerkennung.

[1] Insgesamt sind über 40 gescheiterte Attentatsversu­che und -pläne bekannt, die meist an technischen Schwierigkeiten, den strengen Sicherheitsvorkehrun­gen, auffälligem Verhalten der Attentäter oder auch am unvorhersehbaren Verhalten Hitlers scheiterten. [Attentate auf Hitler, S. 1. Digitale Bibliothek Band 25: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 978 (vgl. EdNS, S. 378) (c) Verlag Klett-Cotta].
[2] Bernd Kleinhans in:
http://www.shoa.de/p_georg_elser.html: Georg Elser ragt unter den Widerstandsaktivitäten gegen das Dritte Reich heraus. Ohne Rückhalt in irgendeiner Organisation, buchstäblich auf sich allein gestellt, hat er den größtmöglichen Widerstand gegen das NS-Re­gime versucht: Die Ausschaltung Hitlers selbst. Dass dieses Attentat ungeachtet der umfassenden Si­cherheits- Kontroll- und Überwachungsmechanismen der NS-Diktatur beinahe geglückt wäre, ist eine Lei­stung von eigener Qualität. Mehr noch: Vergleicht man das Attentat Elsers mit dem ebenfalls mutigen Attentatsversuch vom 20. Juli 1944, dann erscheint Elsers Versuch besonders heldenmütig: Er hat sich zu einem Zeitpunkt gegen das Regime gestellt, als es ge­radezu unbesiegbar erschien.
[3] Hellmut G. Haasis, „Den Hitler jag ich in die Luft“ – Der Attentäter Georg Elser – Eine Biographie; rororo 2001, Sachbuch Nr. 61130, S. 59.

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 ,,Hitlers wahrer Antagonist“ wird geehrt

Briefmarke für den Widerstandskämpfer Johann Georg Elser

Das Bild ist entnommen: Haasis, S. 31

Es gilt als Krönung eines langen, sehr zögerlichen und zeitweise quälenden Prozesses der Rehabilitie­rung: Die Bundesrepublik Deutschland ehrt den Widerstandskämpfer Johann Georg Elser endlich auch mit einer Briefmarke. Dieses kleinformatige Dokument der Anerkennung soll am 16. Januar in Königsbronn der Öffentlichkeit vorgestellt werden, im Heimatort des schwäbischen Handwerkers, der 1939 den Tyrannen Adolf Hitler in München um­bringen wollte. Die Präsentation findet nur wenige Tage nach dem 100. Geburtstag Elsers statt.

Der mühsame Weg zur endgültigen Würdigung des Sprengstoffanschlags vom 8. November 1939 im ,,Bürgerbräukeller“ in München läßt sich sehr gut auch an dem Wandel ablesen, den die Erinne­rung an Elser in seiner Heimat durchgemacht hat. Wie im restlichen Deutschland wurde der Hand­werker in Königsbronn auf der Schwäbischen Ost­alb jahrzehntelang totgeschwiegen, soweit sein Leben und seine Tat nicht mit Gerüchten und Ver­leumdungen umgeben waren. Das Schweigen war so bedrückend, wie es im größten Teil der ganzen Gesellschaft, in Millionen Familien von Tätern und selbst unter Angehörigen von Opfern beim Thema Nationalsozialismus vorherrschte. Erst in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, nachdem Historiker Elsers herausragende Rolle im Wider­stand gegen das nationalsozialistische Regime mit Brief und Siegel versehen hatten, fand er die volle Anerkennung. Dies geschah, während auch überall sonst in Deutschland mit wachsender Energie, lokal und regional, die Aufarbeitung des finstersten Ka­pitels der Vergangenheit betrieben wurde.

Neben einem ausgeprägten Gerechtigkeitsge­fühl, Freiheitssinn, Zähigkeit und einem wachen Blick in Umwelt und Zukunft war auch die Her­kunft dieses Mannes, der sich selbstbewußt zur Arbeiterschaft zählte und dessen kurzes Leben im April 1945 im Konzentrationslager Dachau endete, prägend für sein Leben und seine Tat. Königsbronn, das ein Besucher schon scherzhaft ,,das gussei­serne Dorf“ genannt hat, war nie ein Bauernflecken wie so viele andere Orte in der – inzwischen auch recht industriereichen – Region um die Stadt Hei­den­heim. Vielmehr beschreibt das Standardwerk ,,Der Landkreis Heidenheim“ aus dem Jan Thor­becke Verlag die Gemeinde und einen ihrer Teilorte mit den Worten: ,,Königsbronn und Itzelberg gehö­ren zu den ältesten Industriesiedlungen Deutsch­lands....“

Schon die Mönche, die um 1303 die Zisterzien­serabtei (Fontis Regis) gründeten, legten auch den Grundstein für die Eisenverarbeitung am Ursprung der Brenz, einem der schönsten Quelltöpfe der Schwäbischen Alb. Die württembergischen Her­zöge setzten diese industrielle Tradition in ihrem östlichen Landesteil fort. Später durfte sich die Eisenproduktion eine Zeitlang ,,königlich“ nennen und seit 1926 bis in die Gegenwart blieb es dann beim Namen ,,Schwäbische Hüttenwerke“. Wie es in der Ortsbeschreibung im Buch über den Land­kreis heißt; ,,Diese arbeiteten mit eigener Rohstoff­versorgung – Eisenerze aus zahlreichen Bohnerz­gruben der nahen Umgebung und einem Stufenerz­bergwerk bei Aalen, Holzkohle aus den eigenen Wäldern – und mit Wasserrädern an der Brenz zum Betrieb der Hochofen-Blasebälge und Eisenhäm­mer.“ Um 1855 boten die Werke direkt oder indi­rekt mehr als 500 Arbeitsplätze, darunter auch für Bergleute, Erzklopfer und Tagelöhner.

Vieles hat sich seither geändert. Von der ur­sprünglichen Klosteranlage in der Brenztalaue blieben nur einige Reste übrig: Etwa die Sockel­mauer des Chors der Kirche aus gotischer Zeit, Teile der Mauer und des Wassergrabens. „Sämtli­che in die Gegenwart überkommenen Gebäude datieren frühestens aus dem 16. Jahrhundert“, hält die Ortsbeschreibung fest und fährt einige Zeilen weiter fort: Unweit davon ,,erheben sich die raum­greifenden Anlagen der Schwäbischen Hütten­werke. Neben mehreren modernen Produktions- und Lagerhallen sowie Bürogebäuden finden sich hier mehrere historisch wertvoll eingestufte Indu­striebauten wie Flammofenanlage, Faktorei, Schreinerei und einige weitere Backsteingebäude in gründerzeitlicher Architekturstrflktur.“

Da ist es nur folgerichtig, dass der Bürgermei­ster und seine Mitarbeiter in einem Gebäude mit prächtiger Fassade residieren, das sich der Hütten­werksdirektor Johann Georg Blezinger im 18. Jahr­hundert als Privathaus errichten ließ. Das Rathaus steht ebenso am Brenztopf wie die bis 1905 ge­nutzte Hammerschmiede, die danach als Turnhalle diente und nun als Kulturhaus hergerichtet wird. Das Ortsbild aber wurde im Laufe der Zeit reichlich mit heimischen gusseisernen Produkten verziert – nicht nur in Form von Brunnen, Gedenktafeln oder Epitaphien. Das natürlich ebenfalls gegossene Eh­renmal für die Kriegstoten auf dem Klosterareal nennt auch mehrere Bürger mit Namen Elser, der Attentäter von München ist aber nicht darunter.

In dieser Industriegemeinde wuchs Georg Elser auf, der am 4. Januar 1903 im nicht weit entfernten Dorf Hermaringen geboren wurde, dessen Familie aber bald schon nach Königsbronn zog. Gegen den Willen des Vaters, der mit mäßigem Erfolg einen Holzhandel und daneben eine kleine Landwirtschaft betrieb, begann Georg 1917 eine Lehre als Eisen­dreher in den Hüttenwerken. Doch es stellte sich heraus, dass die Arbeit zu schwer für den schmäch­tigen Jugendlichen war. Aus gesundheitlichen Gründen mußte er die Lehre nach eineinhalb Jah­ren aufgeben und entschied sich nun für die Schrei­nerei, die seine berufliche Leidenschaft werden sollte. Stolz bezeichnete er sich später als Kunst­tischler, seine Arbeit in diesem Beruf trug ihm Lob und Anerkennung ein. Es ist verbürgt, dass er aus­gesprochene Kontrollbesuche bei Familien machte, denen er Möbel – oder auch Standuhren – geliefert hatte: Er wollte sich überzeugen, dass seine Pro­dukte passten und funktionierten.

1925 verließ Georg Elser seine Familie, die sich ,,in Königsbronn am sozialen Rand befand“, wie sein Biograf Hellmut G. Haasis schreibt, und ging ,,in die Fremde“. Jahrelang lebte und arbeitete er am und um den Bodensee, wo er auch Zeiten der Arbeitslosigkeit durchmachen musste. Die Erfah­rungen dieses Abschnittes in seinem Leben wurden sehr wichtig für sein weiteres Denken und Handeln. Haasis bilanziert: ,,Aber die Jahre am Bodensee hatten ihn freier gemacht, hatten ihn persönlich wie politisch geprägt.“ – Er schloss Bekanntschaften und Freundschaften, bewegte sich in Vereinen, auch jenseits der Schweizer Grenze, und hatte ein etwas bewegtes Liebesleben. Besonders wichtig waren die Erfahrungen, die er im Arbeitsleben machte, bei Handwerkern und in Fabriken. Haasis notiert: ,,Er erwarb Kenntnisse in der Uhrmacherei und stellte Gehäuse für anspruchsvolle Uhren her. Später in Königsbronn machte er ein kleines Ge­werbe dar­aus, seine Attentatspläne setzten diese Fertigkeiten voraus.“

Aus familiären Gründen mußte er 1932 nach Königsbronn zurückkehren. Er hatte wechselnde Arbeitsstellen oder hielt sich mit Schreinerarbeiten über Wasser – bis sein Leben nur noch von einem Vorhaben bestimmt wurde. Denn 1938 fasste er den Entschluss zum Attentat auf Adolf Hitler. Im über­lieferten Protokoll des Verhörs nach seiner Ver­haftung legte er die Gründe dar und demonstrierte dabei ein klares Urteilsvermögen und einen damals wenig verbreiteten Weitblick. Er sah die unge­schminkten Lebensbedingungen aus der Sicht eines Arbeiters, und er gewann die unerschütterliche Überzeugung: Hitler bedeutet Krieg.

Schon lange vor der Entscheidung zur Tat war für Elsers Umgebung unübersehbar, dass er dem nationalsozialistischen Regime mit tiefer Abnei­gung begegnete. Er weigerte sich, die Hakenkreuz­fahne zu grüßen, er verließ das Lokal, wenn dort eine Rede Hitlers aus dem Radio drang. Der Hand­werker, der kommunistisch wählte, ohne Parteimit­glied zu sein, war ,,Sozialist, aber ein freiheitlicher, keiner, der sich stramm einordnen würde“, wie ihn Haasis beschreibt. Ihm war das ganze herrschende System zuwider und nach seinem Eindruck hatte die Arbeiterschaft ,,eine Wut“ auf die Regierung.

So gab der Attentäter im Verhör zu Protokoll: ,,Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der nationalen Revolu­tion in verschiedener Hinsicht verschlechtert. So zum Beispiel habe ich festgestellt, dass die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden.“ Er sagte auch: ,,Der Arbeiter kann zum Beispiel seinen Ar­beitsplatz nicht mehr wechseln wie er will, er ist heute durch die HJ [Hitler-Jugend] nicht mehr Herr seiner Kinder und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen.“

Vor allem aber trieb die Furcht vor einem Krieg den Schreiner um. Er sei zur Überzeugung gelangt, so sagte er aus, dass es beim Münchener Abkom­men, das die ,,Sudetenkrise“ lösen sollte, ,,nicht bleibt, dass Deutschland anderen Ländern gegen­über noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und dass deshalb ein Krieg unvermeidlich ist“. Also überlegte er ganz für sich allein, ,,wie man die Verhältnisse bes­sern und einen Krieg vermeiden könnte“. Er zog den Schluß, ,,dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten“. Wenn Adolf Hitler, Hermann Göring und Joseph Goebbels von der Bildfläche verschwänden, dann ,,würden andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine un­tragbaren Forderungen stellen“ und ,,die für eine Besserung der sozialen Verhält­nisse der Arbeiter­schaft Sorge tragen werden“.

Zwar war der Krieg schon im Gange, als er am 8. November 1939 sein Attentat in München ver­übte, doch nun wollte Elser weiteres Unheil abwen­den, das er klar voraussah. Seinen Vernehmern sagte er: ,,Wenn ich gefragt werde, ob ich die von mir begangene Tat als Sünde im Sinne der prote­stantischen Lehre betrachte, so möchte ich sagen: Im tieferen Sinne, nein!.... Ich wollte ja auch durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhin­dern.“

Heute gilt als unumstritten, dass Elser aus eige­nem Entschluss und ohne Mitwisser, Helfershelfer oder Hintermänner seinen Plan mit der ihm eige­nen Beharrlichkeit in die Tat umsetzte. In der Zeit von seiner Entscheidung bis zur Explosion des von den Nazis als ,,Höllenmaschine“ eingestuften kompli­zierten Sprengapparates im ,,Bürgerbräukeller“ schottete sich Elser, der kei­nen Mitmenschen we­gen des Verdachts der Mit­wisserschaft gefährden wollte, von seiner Umwelt ab und begründete damit den Ruf des Eigenbröt­lers und Sonderlings, der ihm jahrzehntelang anhaftete.

Der weitere Verlauf der Dinge ist Geschichte: Die Bombe, die Elser in über 36 Nächten in eine Säule hinter dem Rednerpult im Saal des ,,Bürgerbräukellers“ einbaute, explodierte genau nach Plan. Acht Menschen wurden getötet, mehr als 60 wurden verletzt. Doch völlig überraschend hatte Hitler 13 Minuten zuvor das jährliche Treffen mit seinen ,,Alten Kämpfern“ verlassen, um sich ange­sichts des bevorstehenden Feldzuges gegen Frank­reich eilends mit dem Zug nach Berlin zu begeben – ein Flug wurde durch Nebel verhindert. Durch Zufall wurde Elser, der in einer immer noch etwas rätselhaften Weise auf der Flucht in die Schweiz zu sorglos und zögerlich war, an der Grenze in Kon­stanz gefaßt und dann allmählich mit dem Attentat von München in Verbindung ge­bracht. Er mußte die nächsten Jahre in strikter Iso­lationshaft in den Konzentrationslagern Sachsen­hausen und Dachau verbringen, ehe er dort am 9. April 1945 ermordet wurde.

In Königsbronn aber war nach dem Attentat der Teufel los. Die Menschen lebten wochenlang in Angst und Schrecken. Der Ort wurde praktisch von der Gestapo besetzt. Bei Verhören im Rathaus, im Gasthaus „Hirsch“, in Wohnungen oder auch auf der Straße blieb kaum einer der rund 1.750 Ein­wohner unbehelligt. Hans Elser, Jahrgang 1921, ein Großneffe des Attentäters, der jetzt als pensionier­ter Rektor in der Kreisstadt Heidenheim lebt, be­richtet, dass er ebenso wie andere Kinder vernom­men wurde und dabei auch Fangfragen gestellt wurden. Während die Familie des Attentäters nach Berlin transportiert und dort immer wieder verhört wurde, gingen die Drangsalierungen in Königs­bronn selbst weiter. Zeitzeugen erinnerten sich viele Jahre später an Panikanfälle von Einwohnern nach ihrer Vernehmung. Ein Mann, der bis dahin als wehruntauglich galt, wurde erneut gemustert und verbrachte dann die nächsten fünf Jahre in Rußland. Soldaten aus Königsbronn berichteten über Anpöbeleien in ihren Einheiten. Die Einwoh­ner litten bis 1945 unter Beleidigungen und Be­nachteiligungen. Königsbronn wurde von der Au­ßenwelt als „Attentatshausen“ verhöhnt und mußte sich das auch lange nach dem Krieg noch gefallen lassen.

Die Folge des Albtraums war allgemeines Schweigen im Ort und eine stille Verbitterung über den Mitbürger, der ihnen das alles eingebrockt hatte. Über das Tabu-Thema Elser sagt Joachim Ziller, der dem unverdächtigen Jahrgang 1961 an­gehört, heute: ,,Von außerhalb konnte man kaum verstehen, warum das in Königsbronn so verdrängt wurde.“ Und Hans Elser erzählt: „Ich konnte mit meinem Vater über alles reden, auch über den Krieg, nicht aber über Georg Elser.“ Er selbst ge­hörte freilich im Ort zu den wenigen, die dennoch Fragen stellten und unbefangener mit diesem Ka­pitel der Ortsgeschichte umgingen. So wurde er später auch Mitglied des Georg-Elser-Arbeitskrei­ses, der sich Ende der 80er Jahre in Heidenheim bildete und ganz wesentlichen Anteil daran trug, dass der Attentäter von München das ihm zuste­hende Ansehen in der Geschichte des deutschen Widerstandes erhielt.

Als Junge hatte Hans Elser noch mit seinem Vater und mit Onkel Georg musiziert, wobei der spätere Widerstandskämpfer Kontrabaß spielte. Die Leidenschaft zur Musik war in der ganzen Familie verbreitet. In Hans Elsers elterlicher Wohnung fanden Vorbereitungen auf Konzerte des Gesang­vereins statt, im Gasthaus ,,Hecht“ musizierte Ge­org, der mehrere Instrumente beherrschte, beim Zitherklub. Hans Elser hat auch immer noch die Knallerei im Ohr, die er beim Spielen mit Kamera­den am „Flachsbuckel“ hörte. Heute weiß er, dass sie damals Ohrenzeugen der Experimente wurden, die Georg Elser auf einem elterlichen Grundstück mit Zündern anstellte.

Die mißmutige Stille, die nach 1945 den ver­schwundenen Mitbürger Georg Elser umgab, wurde nur gelegentlich unterbrochen – und dann ohne weitere Folgen. 1956 recherchierte Chefredakteur Erwin Roth von der ,,Heidenheimer Zeitung“ in Königsbronn und Umgebung, sprach mit Famili­enmitgliedern und anderen Zeitzeugen und ver­breitete schließlich in einem detaillierten ganzseiti­gen Bericht die Überzeugung, dass Elser seinerzeit ganz allein und nur seinem Gewissen verpflichtet gehandelt habe. Doch diese Leistung, Jahrzehnte später von Historikern und Journalisten gewürdigt, weil sie sich kraß von damals üblichen Verschwö­rungstendenzen unterschied, blieb ohne nennens­wertes Echo.

Für den 1969 erstmals aufgeführten halbdoku­mentarischen Fernsehfilm ,,Der Attentäter“ von Hans Gottschalk und Rainer Erler wurde auch in Königsbronn gedreht, einige Bürger ließen sich sogar vor der Kamera befragen, andere winkten wie immer ab. Doch dieser Streifen des Süddeutschen Rundfunks, der von der Kritik sehr gelobt wurde und nach wie vor als beispielhaft gilt, fand in der Öffentlichkeit ebenfalls kaum Resonanz, wie Thekla Dannenberg von der Freien Universität Berlin in einer Diplomarbeit über Elser festhielt. Immerhin löste er Anrufe im Königsbronner Rat­haus aus: Empörte Bürger aus anderen Gegenden wollten wissen, warum der Widerstandskämpfer in seiner Heimat als Unperson gelte.

Um die Gemüter zu beruhigen, stimmte der Gemeinderat dem Vorschlag zu, ein Elser-Archiv einzurichten. Auf diese Entscheidung wurde in den kommenden Jahren bei kritischen Anfragen verwie­sen, das Archiv blieb ein Plangespenst. Sehr viel später schilderte Thekla Dannenberg die Zeit des Schweigens und des Stillstandes so: ,,In Königs­bronn, einem idyllischen Städtchen am Quell der Brenz, regiert 38 Jahre lang mit fast absolutistischer Selbstherrlichkeit der Bürgermeister Karl Burr, „Schultes“, wie man im Schwäbischen sagt.“ Er pflegte nach ihrer Darstellung ,,die Vergangenheit seiner Gemeinde, wie sie ihm denkwürdig er­schien“ – und damit ohne Georg Elser. Über die Zeit der Weimarer Republik heißt es übrigens in der Ortsbe­schreibung: ,,Bezogen auf die Gesamtge­meinde sahen die Reichstagswahlen die Sozialde­mokraten vorne.“ Im März 1933 errangen aller­dings die Na­tionalsozialisten knapp die Hälfte der Stimmen. Die SPD erhielt fast 23 Prozent, die Kommunisten kamen auf zehn Prozent. Heute ha­ben die Sozial­demokraten im Gemeinderat die Mehrheit, bei der jüngsten Bundestagswahl ver­buchten sie fast 50 Prozent.

In den 80er Jahren bahnte sich ganz allmählich ein Stimmungswandel nicht nur in der Heimatre­gion des Widerstandskämpfers, sondern auch im Rest des Landes an. Zwar hatten die Historiker Anton Hoch und Lothar Gruchmann vom Institut für Zeitgeschichte in München schon um die Jah­reswende 1970 durch einen umfassenden Bericht und die Publikation des in den Archivbeständen des Reichsjustizministeriums entdeckten Verhörproto­kolls Pionierarbeit bei der Rehabilitierung Elsers geleistet und alle seit dem Attentat und vor allem nach 1945 kursierenden Verschwörungstheorien widerlegt. Doch es vergingen noch einmal etliche Jahre, ehe sich die Wahrheit über und die Anerken­nung für Elser ganz durchsetzte.

1979 stimmte der englische Germanist Joseph Peter Stern in einem Buch und in Zeitungsartikeln ein Loblied auf Elser an, den er als ,,Hitlers wahren Antagonisten“ bezeichnete. Damals hielt Stern zum Jahrestag des Attentats auch einen Vortrag in Hei­denheim, der als eigentlicher Wendepunkt der El­ser-Rezeption in der Heimat des Widerstandskämp­fers gilt. Der Germanist sagte über den Attentäter: „Die praktische Ausführung seiner Tat ist zeitbe­dingt. Der Geist seiner Tat bleibt vorbildlich.“

Rückblickend scheint es, als sei in den Jahren danach versucht worden, in nahezu atemloser Weise nachzuholen, was Jahrzehnte davor versäumt worden war. 1988 wurde in Heidenheim der Georg-Elser-Arbeitskreis gegründet, der sich als Motor in der weiteren Entwicklung erwies. Es ist eine orga­nisatorisch lockere Vereinigung von Bürgerinnen und Bürgern, deren Kern nie mehr als zehn oder zwölf Personen umfaßte, darunter die Buchhändle­rin Gertrud Schädler, der Angestellte Manfred Maier und der Studiendirektor Veit Günzler. Dieser Kreis gab eine Broschüre über den Widerstands­kämpfer heraus, die bis heute Bestand hat.

Der Arbeitskreis organisierte Gedenkfeiern und sorgte dafür, dass die Uraufführung des Spielfilm ,,Georg Elser – Einer aus Deutschland“ von Klaus Maria Brandauer in Heidenheim stattfand. In der Kreisstadt wurden Theaterstücke von Peter Paul Zahl und von Gerhard Majer über Elser aufgeführt. Professor Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, sprach in Heidenheim über den Widerstandskämp­fer aus Königsbronn und stiftete das Honorar dem Arbeitskreis, als wichtigen Beitrag zu dessen mate­rieller Grundausstattung.

Zusammen mit Dr. Johannes Tuchel, dem Leiter der Berliner Gedenkstätte, spielte Steinbach dann auch an der Brenz eine maßgebliche Rolle, nach­dem in Königsbronn endgültig eine neue Ära ange­brochen war. 1990 wählten die Bürger dort den 29jährigen Michael Stütz zu ihrem neuen Bürger­meister und entschieden sich damit auch für einen ganz anderen Umgang mit ihrem bisher verpönten Mitbürger Elser. Denn Stütz hatte im Wahlkampf verkündet, dass er sich, einmal im Amt, der Erinne­rung an den Widerstandskämpfer annehmen werde. Nachdem er den alten ,,Schultes“ Burr abgelöst hatte, beschloß der Gemeinderat prompt mit Mehr­heit die Einrichtung einer Gedenkstätte, wie sie Stütz vorschlug. Räume dafür wurden in einem repräsentativen Gebäude nahe dem Rathaus gefun­den. Und dort zog dann eine Dauerausstellung über Johann Georg Elser ein, die von der Berliner Ge­denkstätte konzipiert und vom Ausstellungsexper­ten Professor Hans Peter Hoch ganz auf die Ver­hältnisse in Königsbronn zugeschnitten worden war. Zunächst war sie rund ein halbes Jahr lang im ehemaligen Bendlerblock in Berlin zu sehen, wo die Geschichte des Widerstandes gegen den Natio­nalsozialismus umfassend und mustergültig für die Öffentlichkeit ausgebreitet ist. Dann zog sie für immer nach Königsbronn um und wurde im Fe­bruar 1998 feierlich eröffnet.

Hauptgeldgeber für die neue Gedenkstätte wa­ren die Kultur-Stiftung der Deutschen Bank und das Land Baden-Württemberg. Bürgermeister Stütz freute sich auch über Spenden von ,,namhaften deutschen Unternehmen“ und besonders über einen handfesten Beweis des Stimmungsumschwungs gerade in der Gemeinde und ihrer Umgebung: 30 regionale Firmen und Institutionen sowie Privatper­sonen hatten sich finanziell beteiligt.

Die Gedenkstätte meldet seither einen regen Be­such, besonders häufig informieren sich dort Schü­ler über den inzwischen berühmtesten Sohn des Ortes. Joachim Ziller, Leiter des Gemeinde-Haupt­amtes und der Volkshochschule, der zusätzlich die Gedenkstätte betreut, sagt, die Haltung der Bürger zum Fall Elser sei heutzutage ,,zweigeteilt“. Dieje­nigen, die noch unmittelbare Erinnerungen an die Ereignisse nach dem Attentat hätten, wollten sich in der Regel immer noch nicht damit auseinanderset­zen und verharrten im Schweigen. Die anderen aber ,,akzeptieren es und sind auf die Gedenkstätte stolz“.

Dass der Bann gebrochen war, zeigte sich auch im öffentlichen Auftritt von zwei Angehörigen des Widerstandskämpfers, die bis dahin in der Anony­mität gelebt hatten. Zur Uraufführung des Films von Brandauer erschien 1989 in Heidenheim neben Leonhard, dem jüngsten Bruder des Attentäters, für die Öffentlichkeit überraschend auch Manfred Bühl, 1930 in Konstanz unehelich geborener Sohn von Georg Elser. Er hatte einst von einem Mit­schüler erfahren, wer sein wirklicher Vater war. Doch die Mutter, verbittert über den Erzeuger ihres Kindes, ließ darüber nicht mit sich reden, auch Bühl wuchs im Klima des Schweigens auf. Nun berich­tete er in Heidenheim über sich und seinen Vater und trat danach bei anderen Gedenkveranstaltungen auf, ehe er 1997 plötzlich starb.

Etwa um die gleiche Zeit wie Bühl begann Franz Hirth mit der Aufarbeitung von Familienge­schichte, der Sohn von Elsers Lieblingsschwester Maria. Sie, die mit Mann und Kind in Stuttgart lebte, erregte besonderen Argwohn der Gestapo, weil sie als letztes Familienmitglied den Attentäter gesehen und er ihr von München aus seine Habse­ligkeiten geschickt hatte. Die Eltern Hirth wurden daher ebenfalls nach Berlin verschleppt, der zehn­jährige Sohn kam in ein Kinderheim. In Berlin wurde Maria Hirth, wie andere Angehörige, dem Attentäter gegenübergestellt und erlitt danach einen Nervenzusammenbruch. Nach 1945 wurde ihr An­trag auf Entschädigung brüsk abgelehnt. Verwand­ten erging es nicht besser.

Im Jahr 2002 beschloss der Gemeinderat in Kö­nigsbronn auch, die bisher namenlose Grund-, Haupt- und Realschule im Ort nach Georg Elser zu benennen. Schon 1990 legte der neue Rektor gro­ßen Wert darauf, dass der Attentäter bei der Erörte­rung des deutschen Widerstandes im Unterricht ausführlich zu würdigen sei. Der Anstoß für die Namensgebung kam ursprünglich aus den Reihen der Lehrer, ihr Vorschlag wurde später von Schü­lern aufgegriffen. Sie hatten sich immer wieder darüber geärgert, dass sie etwa bei sportlichen Wett­kämpfen gegen Schulen antreten mußten, die Na­men von Berühmtheiten trugen. Sie schlugen den einheimischen Widerstandskämpfer als Na­menspa­tron vor. Und der Rektor betonte in der entschei­denden Sitzung des Gemeinderates: Die Diskussion über die Wertigkeit Elsers sei wissen­schaftlich abgeschlossen, über die Bedeutung des Wider­standskämpfers und seiner Tat müsse nicht mehr debattiert werden. Die Gemeinderäte stimm­ten mit Mehrheit zu. Und in Karlsruhe, wo er in­zwischen das Institut für Geschichte an der Univer­sität leitet, kommentierte Professor Steinbach die Nachricht aus Königsbronn mit den Worten, diese Namensge­bung halte er für ,,viel wichtiger als die Brief­marke“.

Das lange, tiefe Schweigen in Königsbronn hat freilich schmerzliche Lücken hinterlassen. Viele Zeitzeugen nahmen ihre Erinnerungen mit ins Grab. Dieser Verlust wirkt umso nachhaltiger, als Elser keinerlei Aufzeichnungen hinterlassen hat, nicht einmal Briefe von ihm sind überliefert. So muß sich die Gedenkstätte beispielsweise mit einer Schrei­nerrechnung von seiner Hand begnügen.

Daher muß das von Gruchmann veröffentlichte Verhörprotokoll als ,,Autobiographie“ des Attentä­ters herhalten. Es dient als Grundlage für die Ar­beiten von Historikern, Literaten, Biografen und Publizisten, die sich in wachsender Zahl mit Georg Elser befassen. Vorher wucherten wilde Gerüchte, verleumderische Spekulationen und finstere An­deutungen über Hintermänner, die gelegentlich jetzt noch durch Veröffentlichungen und Erzählungen spuken. Als hartnäckig erwiesen sich vor allem die Versionen, Elser sei in Wahrheit ein Werkzeug der Nazis, die das Attentat selbst inszeniert hätten, oder des englischen Geheimdienstes, wie das braune Regime behauptete, gewesen. Zu fantastisch er­schien die Vorstellung, ein bieder wirkender schwäbischer Handwerker habe ganz allein und mit atemberaubender Zähigkeit dem Diktator nach dem Leben getrachtet. Auch trug zur Legendenbildung bei, dass Elser als ,,Sonderhäftling“ in völliger Isolation in den Konzentrationslagern Sachsenhau­sen und Dachau eingesperrt war. Inzwischen gilt als gesichert, dass er für einen Schauprozess nach dem ,,Endsieg“ bereitgehalten werden sollte. Als sich der Zusammenbruch des Regimes abzeichnete, verlor er seinen Wert und wurde am 9. April 1945 auf einen Befehl aus Berlin hin in Dachau ermor­det.

Danach wollte kaum jemand die Wahrheit wis­sen, obwohl sie bald schon auf dem Tisch lag. 1950 stellte die Staatsanwaltschaft beim Landgericht II umfassende Ermittlungen im ,,Fall Bürgerbräukel­ler“ an und suchte dabei auch nach dem Mörder Elsers. Sie befand: Georg Elser war Allteintäter und handelte aus ehrenhaften Motiven. Bei der später einsetzenden Rehabilitierung Elsers sind dann diese Akten, die im Staatsarchiv in München ruhen, für Veröffentlichungen herangezogen worden.

Noch früher hatte Hans Bernd Gisevius, ein – wenn auch etwas schillernder – Zeuge und Chronist des Widerstandes vom 20. Juli 1944 und seiner Vorgeschichte, Elser als Alleintäter hervorgehoben. Er bezog dieses Wissen vor allem aus seiner Freundschaft mit dem Reichskriminaldirektor Ar­thur Nebe, der während der Ermittlungen nach dem Attentat die Überzeugung gewann, dass der schwä­bische Schreiner keine Hintermänner gehabt habe. Und so schrieb Gisevius in seinen zweibändigen Erinnerungen ,,Bis zum bitteren Ende“, die 1946 in Zürich erschienen: ,,Elser behauptete, Alleintäter gewesen zu sein. Fast alles sprach dagegen. Trotz­dem kamen die Kriminalisten zuletzt zu diesem Ergebnis. Nicht nur was seine Schilderung von der Konstruktion und dem Einbau der Bombe betraf, die sich in allen Punkten richtig erwiesen, nein, auch psychologisch schenkte Nebe diesem Mann Glauben. Da war tatsächlich ein fanatischer Kom­munist zum Entschluß gekommen, den Tyrannen zu ermorden, und was Unzählige nicht fertiggebracht hatten, war ihm geglückt: er hatte die Antwort auf die entscheidende Vorfrage nach einer präzis zu errechnenden Gelegenheit gefunden.“

In Briefen aus den Jahren 1946 und 1959 be­kräftigte Gisevius seine Überzeugung und ließ sich auch durch gegenteilige Einwände nicht beirren. Die Schreiben befinden sich in seinem Nachlass, der im Archiv für Zeitgeschichte an der Eidgenössi­schen Technischen Universität (ETH) in Zürich verwahrt wird. In einem dieser Schreiben heißt es: „Meine Kenntnis stammt nicht nur von Nebe, der auf Hitlers Befehl (in die Ermittlungen) einge­schaltet wurde, weil Hitler Himmlers politisierender Kriminalistik (der Gestapo) nicht traute. Hitler wollte unbedingt herauskriegen, wer hinter dem Anschlag steckte....“ Gisevius fährt fort: „Nun könnten Sie sagen, Nebe habe mich angelogen, was zwar unwahrscheinlich, aber vielleicht begreiflich wäre. Es lebt aber sein engster Mitarbeiter, der die Spurensicherung mit ihm vorgenommen hat. Dar­über hinaus gibt es unwiderlegliche Argumente.“

Deutlich gibt Gisevius zu verstehen, dass Nebe und andere Kriminalbeamte von dem Attentäter beeindruckt waren. 1966 veröffentlichte er noch ein Buch über den Reichskriminaldirektor, der vor Kriegsende wegen seiner Verbindungen zum Wi­derstand hingerichtet wurde. In dem Werk ,,Wo ist Nebe?“ zitierte er den einstigen Kripochef mit den Worten: „Nimm diesen Elser. Das ist ein Kerl! Das ist der einzige unter uns, der es erfaßt hatte und demgemäß handelte. Das ist ein Held unserer Zeit – und deswegen werden die Nazis, nein, gerade deine feinen Leute alles tun, um jede Erinnerung an ihn auszulöschen.

Die Meinung, dass Elser ein fanatischer Kom­munist gewesen sei, hat sich allerdings im Laufe der Zeit ebenso verflüchtigt, wie andere falsche, allzu holzschnittartige oder schiefe Urteile über die Person des Widerstandskämpfers Elser. Es stellte sich heraus, dass er bis zur Entscheidung für die Tat keineswegs der Sonderling und Einzelgänger war, als der er in früheren Darstellungen erschien. Haa­sis gibt die Aussage eines Zeugen wieder: ,,Elser galt als flotter Bursche und war beliebt.“ Der be­gabte Musiker spielte in Vereinen auf und kam bei Frauen an. Mancher männliche Mitmensch sah ihn wohl aber scheel an: Er rauchte nicht und trank kaum Alkohol, rüde Umgangsformen schätzte er nicht. Die Erfahrungen in einem zerrütteten Eltern­haus, mit einem gewalttätigen Vater, wirkten nach.

Auch ein Bild hat das Bild des Georg Elser in der Öffentlichkeit geprägt. Darauf weist Thekla Dannenberg in ihrer Diplomarbeit hin: ,,Bestätigt zu werden scheint diese Beurteilung Elsers als einfältigen Menschen von dem gängigen Photo, das in fast allen Berichten über Elser zur Illustration verwandt wird.“ Es handelt sich um eine Auf­nahme, die bei der erkennungsdienstlichen Be­handlung des Attentäters durch die Polizei gemacht wurde. Darüber hat sich Bruder Leonhard 1995 in einem Gespräch mit der ,,tageszeitung (taz)“ be­klagt, wie das Blatt seinerzeit berichtete: ,,Jedesmal drucken sie dieses Verhörbild der Gestapo, nach den Folterungen, wo er so wild aussieht, unrasiert und verquollen. Es gibt doch auch andere Aufnah­men von ihm. Aber auf dem sieht er doch aus wie ein Verbrecher. So kenne ich meinen Bruder nicht.“ Tatsächlich sind in der Königsbronner Gedenkstätte zahlreiche Fotos von Georg Elser zu sehen, die ein sehr differenziertes Bild ergeben und inzwischen auch nachgedruckt werden.

Aus dem Verhörprotokoll geht hervor, dass El­ser kaum Bücher und Zeitungen gelesen habe. Doch das beruht auf eigenen Angaben, die er möglicher­weise machte, um die eigene Person und andere zu schützen. Es ist überliefert, dass er in Gaststätten zu den Zeitungen griff, die dort auslagen. Und er hörte Radio, um sich über die politische Lage zu infor­mieren, bevorzugt ,,Feindsender“ wie die Londoner BBC oder Radio Moskau. Die Erläuterung seiner Gründe für die Tat und Aussagen von Zeitzeugen lassen jedenfalls den Schluss zu, dass er sehr wohl über laufende Ereignisse und ihre Hintergründe informiert war.

Dieses Widerstandskämpfers wird nun anläßlich seines 100. Geburtstages mit zahlreichen Veran­staltungen gedacht, unter denen die Vorstellung der Elser-Briefmarke herausragt. Vor allem die Elser-Initiativen in Deutschland und die politischen Bil­dungszentralen haben sich für einen solchen Akt der Würdigung stark gemacht, den Anstoß gab auch hier der Heidenheimer Arbeitskreis. Auch die Jah­reszahl, die diese Marke tragen wird, markiert den umständlichen Weg zur Anerkennung Elsers. Denn schon 1964 erschien ein Briefmarkenblock zum Gedenken an andere Persönlichkeiten des deut­schen Widerstandes, darunter Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Lange hat es gedauert, bis Elser aus dem großen Schatten dieses schwäbischen Landsmannes treten konnte, der 1907 gar nicht so weit von Königsbronn entfernt, in Jettingen im bayerischen Schwaben, geboren wurde.

Inzwischen adelten die Schwaben ihren Lands­mann Elser auf ihre besondere Weise: 1995 wurde er in eine Ausstellung des Württembergischen Lan­desmuseums unter dem Motto ,,Schwäbische Tüft­ler“ aufgenommen, in der ein Nachbau seiner ,,Höllenmaschine“ gezeigt wurde. Er befand sich damit in der Gesellschaft von Erfindern wie Gott­lieb Daimler, Graf Zepplin oder Claude Dornier. Und die Ausstellung fand im Alten Schloss in Stuttgart statt, ,,an dem Ort übrigens, an dem Stauf­fenberg mit seinem Bruder die Kindheit ver­brachte“, wie es im Ausstellungskatalog hieß.

Wie nach Stauffenberg wurden unterdessen Straßen, Plätze und Schulen auch nach Elser be­nannt. Im Ausland ist sein Name ebenfalls ein Be­griff. So spricht Joachim Ziller beispielsweise von einem wachsenden Interesse von Japanern an dem Königsbronner Widerstandskämpfer. Peter Stein­bach berichtet, dass im November kommenden Jahres im Museum für die Resistance in Paris eine Ausstellung über die Attentate auf Hitler eröffnet werden soll, die in Zusammenarbeit mit dem Goe­the-Institut und der Berliner Gedenkstätte vorbe­reitet wird. Im Zentrum werde dabei Georg Elser stehen.

Für die ,,TRIBÜNE“ erinnert Professor Stein­bach in einer Würdigung der Ereignisse vom ,,Bürgerbräukeller“ daran, dass der Mann aus Kö­nigsbronn beim Blick auf den Widerstand gegen Hitler zunächst fast verächtlich gemacht worden, dass ihm seine Tat abgestritten worden sei. ,,Im Laufe der Zeit mußte man dann anerkennen, dass da einer aus dem Volk bereit war, mit den größt­möglichen Konsequenzen für sich und seine Ange­hörigen zu handeln“. Er habe im Grunde deutlich gemacht, ,,dass man nach 1933 klar sehen konnte, wenn man sehen wollte“. Elser habe sich keine Illusionen über das Regime gemacht und gesehen ,,dass es sich um ein im Kern verdorbenes Unrechts­regime gehandelt hat“. Er habe sich keine Aus­flüchte gestattet, im Gegensatz zu den meisten Mitläufern jener Zeit.

Steinbach, der die ,,Unbedingtheit“ Elsers her­vorhebt, sagte weiter, die Erinnerung an diesen Widerstandskämpfer sei der deutschen Nachkriegs­gesellschaft regelrecht abgetrotzt worden. Es seien immer Einzelne gewesen, die sich von diesem Menschen hätten faszinieren lassen. Doch schließ­lich sei Elser in den Kreis der großen Widerständler aufgenommen worden.

Bei aller gebotenen Zurückhaltung läßt sich Peter Steinbach auf Mutmaßungen darüber ein, was wohl geschehen wäre, wäre denn das Attentat vom November 1939 geglückt. Anzunehmen sei, dass der Krieg abgekürzt worden wäre, sagt der renom­mierte Widerstandsexperte. Und er sei sicher, dass es die Katastrophe des Holocaust, des Völkermor­des an den Juden, dann nicht gegeben hätte. Stein­bach meint aber auch: ,,Ob die Tat Elsers ausge­reicht hätte, um die Verblendung der Deutschen, die ja von Hitler fasziniert waren, endgültig aufzu­heben, wage ich nur zu hoffen.“

Bald nach ihrer Gründung legte die Königs­bronner Gedenkstätte eine Schriftenreihe auf, die sich mit besonderen Aspekten von Tat und Täter befaßt. Darin wird beispielsweise die frühe Lei­stung des ehemaligen Chefredakteurs Roth gewür­digt oder die Rolle geschildert, die Pastor Martin Niemöller im Verwirrspiel um Georg Elser in der Nachkriegszeit spielte. Im ersten Band der Reihe wurden Dokumente aus dem Schweizerischen Bun­desarchiv in Bern veröffentlicht. Kernstück ist dabei der Ermittlungsbericht, den die Schweizer Polizei 1940 auf Ersuchen des deutschen Reichssi­cherheitshauptamtes schrieb. Daraus ging hervor, dass – entgegen allen Vermutungen und Verdächti­gungen aus Berlin – keinerlei Spuren der Tat und angeblicher Hintermänner in die Schweiz führten. Die Schweizer meldeten in allen Punkten Fehlan­zeige.

Und in dieser Broschüre ,,Die Akte Elser“ wird auch über die Frage spekuliert, was wohl geschehen wäre, wenn sich Elser tatsächlich in die Schweiz hätte absetzen können. Dr. Ernst Weilenmann, stellvertretender Generalsekretär im Justizministe­rium des Kantons Zürich, äußerte dabei die Mei­nung, es sei kaum vorstellbar, dass die Schweizer diesen Flüchtling nicht an das Deutsche Reich aus­geliefert hätten. Für eine solche Maßnahme hätte es aus damaliger Sicht respektable Gründe gegeben: „Ein Sprengstoffanschlag auf das Staatsoberhaupt eines Nachbarstaates, mit dem normale und inten­sive Beziehungen unterhalten wurden, wäre damals wohl kaum als Tat mit „politischem Charakter“ betrachtet worden. Nur das aber hätte nach Artikel 4 des damals gültigen Auslieferungsvertrages zwi­schen der Schweiz und dem Deutschen Reich die Verweigerung einer Auslieferung erlaubt.“

Ulrich Renz

Dieses Manuskript wurde geschrieben für: „Tribüne – Zeitschrift zum Verständnis des Judentums“.

Weitere Informationen zum Thema finden sich unter folgenden Internetadressen:
georg-elser.de;
gedenkstaetten-bw.de;
gdw-berlin.de.

Unter der dort angegebenen Literatur ist besonders hinzuweisen auf:
Hellmut G. Haasis, „Den Hitler jag ich in die Luft“ – Der Attentäter Georg Elser – Eine Bio­graphie; rororo 2001, Sachbuch Nr. 61130.

Ulrich Renz ist 1934 in Stuttgart geboren und war über 35 Jahre Redakteur bei den deutschen Dien­sten der Presseagenturen UPI und AP in Frank­furt/Main. Er hat über 15 Prozesse um NS-Verbre­chen berichtet und ist als Journalist auf Themen aus der Zeit des Nationalsozialismus spezialisiert. Seit Jahren befaßt er sich besonders mit Georg Elser und arbeitet für die Elser-Gedenkstätte in Königsbronn.