Predigt zu Neujahr 2019

Die Unerträglichkeit der vorübereilenden Zeit

Schriftstellen:
Erste Lesung: Num 6,22-27
Zweite Lesung: Gal 4,4-7
Evangelium: Lk 2,16-21

Papst Silvester I. gab dem letzten Tag im Jahr seinen Namen und Gaius Julius Caesar verlegte Neujahr vom 1. März auf den 1. Januar. Wie viele von uns haben wohl in der Zeit des Jahreswechsels gedacht oder gesagt: „Schon wieder ist ein Jahr vergangen!“ Die Jüngeren mögen das begrüßt haben, weil ein gestecktes Ziel näherrückt; die Älteren werden hinzugefügt haben: „Es geht immer schneller!“ Das ist natürlich ein subjektives Gefühl; denn objektiv bleiben, abgesehen vom Schaltjahr, die Abstände zwischen den Jahreswechseln gleich. Aber alten Menschen erscheinen sie kürzer und für sie kommt der Wechsel schneller, jungen Menschen oder Kindern hingegen kann dasselbe wie eine Ewigkeit vorkommen.

Kein Mensch kann übersehen, daß die Zeit vorübereilt, daß kein Augenblick bleibt, weder ein schöner noch ein schrecklicher, wenn wir auch den einen festhalten wollen und den anderen zu meiden versuchen; vorüber aber gehen beide. Es gibt nur eines, das bleibt und das todsicher ist, das Ende der Zeit, unser Tod.

Das zu akzeptieren ist schwer, fast unerträglich. Nichts erinnert uns intensiver daran als die vorübereilende Zeit. Gott ist ewig, er ist der Unveränderliche, er ist ohne Raum und Zeit. Er schafft den Raum des Kosmos, die Materie und darin auch die Zeit. Am 4. Schöpfungstag erschafft er Sonne, Mond und Sterne und setzt sie in Bewegung.

Diese Bewegung im Raum bestimmt die rhythmischen Vorgänge der Jahre, Jahreszeiten, Monate, Wochen, Tage mit Morgen und Abend, Stunden, Minuten und Sekunden. Tag, Monat und Jahr hängen von der Bewegung der Himmelskörper ab, alle anderen Einteilungen macht der Mensch selbst. Es müßte ihn demütig machen, wenn er erkennt, daß seine Fähigkeit nicht ausreicht, zu erkennen oder sich auch nur vorzustellen, was vor der Zeit war und was außerhalb des Weltraums ist.

Unsere Erfahrung lehrt uns, daß es vor dem Beginn eines Ereignisses eine andere Zeit gibt und sich außerhalb eines begrenzten Raumes ein anderer Raum befindet. Aber was hat dieses davor oder dahinter letztlich für eine Bedeutung?

Früher haben die Menschen die Zeit als eine unabhängige Größe betrachtet, und auch wir bezeichnen sie heute noch als einen Gegenstand. Den Menschen früherer Zeiten erschien sie vor allem als Wechsel und Rhythmus und das in ewiger Wiederkehr; ohne eine Beziehung zum Raum oder eine sonstige Abhängigkeit.

Wir wissen heute, daß zu den drei Dimensionen des Raumes die Zeit als eine vierte hinzukommt. Er kann nicht als eine dreidimensionale Einheit getrennt von der Zeit existieren; es besteht vielmehr ein vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum. Dort sind die drei Dimensionen des Raumes mit der einen Dimension der Zeit unlösbar verbunden und verknüpft. Es gibt keinen Raum ohne Zeit und keine Zeit ohne Raum. Wir sprechen von einem „Zeitraum“, wenn wir einen Zeitabschnitt meinen, und wir können auch einen „Zeitraum überschreiten“. Raum und Zeit entsprechen einander wie Innen und Außen derselben Sache. Raum ist die nach außen verlegte Zeit, und Zeit ist der verinnerlichte Raum. Beide rahmen das menschliche Leben ein.

Der Zeit widmet sich die Geschichte, diese ist aber unverständlich ohne die Geographie. Das Tier erlebt je nach seiner Art Umwelt und diese in der Gegenwart, wohingegen der sich des Raumes bewußte Mensch die Welt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlebt.

Die Menschen erfahren die Zeit in verschiedenen Formen, als linear und als zyklisch, als Chronos und als Kairos. Ein Rückblick in die Menschheitsgeschichte zeigt den Zusammenhang von Raum und Zeit noch auf andere Weise. Raum als Materie ist mehr der Frau zuzuordnen, deren ursprüngliches Zeitmaß der weibliche Zyklus ist. Später wurde die Materie als Totes betrachtet und dem Mann zugeordnet, er wird zum Totengräber. Hier liegt vermutlich der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat.

Die ursprünglich gelebte Zeit war die Gegenwart, der rechte Augenblick, die im Kairos gelebte Zeit der Frauen. Die Erfahrung der Zeit als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist dann die gemessene Zeit der Männer, die im Patriarchat ihren Ausdruck fand. Hier herrscht dann Chronos vor. Beide Entwicklungsstufen sind wichtig, müssen aber weitergeführt werden zum Integrat von Kairos und Chronos, von Zeit als Kairos und Raum als Chronos.

Wer an eine Schöpfung durch Gott glaubt, kann leicht akzeptieren, daß vor der Schöpfung nur Gott existiert, und zwar ohne Raum und Zeit. Augustinus sagt: „Die Welt ist mit der Zeit und nicht in der Zeit geschaffen.“ Diese Aussage zeugt von einer bereits hohen Reflexionsstufe. Die Bibel formuliert lediglich: „Im Anfang ...“

„Im Anfang ...“, „Am Anfang ...“, so beginnt die Urkunde unseres Glaubens. „Aller Anfang ist schwer!“, aber es wohnt ihm auch ein Zauber inne. Das Ende hat zwei Aspekte: Einerseits ersehnen wir es, andererseits bricht es über uns herein. Letzteres geschieht, wenn wir nicht Abschied nehmen können. Der Tag beginnt, aber die Nacht bricht herein.

Das älteste Evangelium nach Markus hat zwar einen Beginn: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: Es begann, wie es beim Propheten Jesaja steht.“ (Mk 1.1f) Aber Markus findet kein Ende. Wir kennen den falschen Markusschluß: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ (Mk 16,8)

Um den Geist des Anfangs zu erhalten, gilt es Abschied zu nehmen vom Wissen über das Ende und doch zuversichtlich zu leben. Es gibt zwei Typen von Weltbildern: Im Indo-Hellenischen dominiert der Raum die Zeit; denn diese ist zyklisch und ewig, das heißt, die zeitliche Welt ist weniger real als die Welt der zeitlosen Formen oder Ideen. In der Judäo-Christlichen Welt beherrscht die Zeit den Raum; die Welt ist ontologisch gut und keine Illusion. In dieser Welt leben wir und erleben den Lauf der Zeit.

Was kann das Vorübereilen der Zeit erträglich machen? Eine Möglichkeit ist, das zu leben, was wir sind und das zu werden, was wir sein sollen. Das ist eine schwere Aufgabe, aber sie ist der Mühe wert. Es kommt darauf an, unserem Leben nicht nur mehr Tage hinzuzufügen – in dieser Beziehung haben wir es auf Grund der Fortschritte der Medizin bereits weit gebracht – sondern unseren Tagen mehr Leben. Biographien über Menschen früherer Zeit vermitteln nicht selten den Eindruck, als hätten diese in den wenigen Jahren, die ihnen gegeben waren, intensiver gelebt. Dabei fehlten ihnen viele Erleichterungen, die uns der Fortschritt heute in allen Bereichen bietet. Vermutlich war gerade dieses Defizit schon ein Aspekt von Lebensqualität. Es ging den Menschen damals nicht so gut wie uns heute, aber sie schätzten das, was sie hatten, mehr.

Es gibt ein Romantisieren der Vergangenheit, eine gewisse Nostalgie. Wenn wir zum Beispiel ein knuspriges Bauernbrot essen, meinen manche Menschen, früher hätten die Bauern das jeden Tag gehabt, vergessen aber dabei, daß es nicht selten an genügend Korn fehlte und statt dessen Rinde oder andere „Verlängerer“ beigemischt werden mußten.

Was ließ unsere Vorfahren angesichts des frühen Todes bewußter leben? Nicht wenige Menschen glauben, daß wir nicht nur an Raum und Zeit teilnehmen, sondern durch unsere unsterbliche Seele auch bereits an der Ewigkeit teilhaben; denn unsere Heimat ist die Ewigkeit und die Zeit lediglich eine Pause von der Ewigkeit.

Wenn die Ewigkeit unsere Heimat ist, dann ist die Zeit in gewisser Weise unsere Fremde; doch das Leben in dieser Zeit ist wichtig. Sie ist Gabe und Aufgabe. Unser Leben in der Zeit läuft auf die Endzeit zu, diese ist Grenzzeit zur Ewigkeit. Endzeit ist auch Gerichtszeit, Jüngster Tag, und dieser ist immer hier und jetzt, gleichsam ein Standgericht.

Wann sind wir der Ewigkeit am nächsten? Viele mögen antworten: „Im Tod.“ Doch das ist ein Irrtum! Der Ewigkeit am nächsten sind wir in der Gegenwart, im Augenblick, im Hier und Jetzt. Heute ist der Tag des Heiles; denn die Ewigkeit ragt in unsere Zeit hinein.

Um dies zu erfahren, kann die Meditation hilfreich sein. Menschen, die meditieren, erleben, daß die Zeit stillsteht. In der Meditation wird das zeitliche Nacheinander zum Nebeneinander, das räumliche Nebeneinander zum Ineinander, das Ineinander zum lebendigen Erlebnis einer Verschmelzung von Raum und Zeit.

Auch im Traum erfahren wir die Relativität der Zeit, und in Gedanken können wir uns schnell in einen anderen Raum und in eine andere Zeit versetzen. Das Verbindende von Zeit und Ewigkeit ist die Liebe. Sie ist die Erfahrung der Ewigkeit in der Zeit. Kinder und Liebende vergessen die Zeit. Liebe ermöglicht ekstatische Erfahrungen, in denen wir die Zeit überwinden. Gottes Liebe kommt in Jesus Christus aus der Ewigkeit in unsere Zeit. In Raum und Zeit ging er durch das irdische Leben bis zum Tod. Aus der vergänglichen Zeit erstand er vom Tod zum Leben in die Unvergänglichkeit der Ewigkeit. Auch an uns soll geschehen, was an Jesus Christus geschah: Durch Tod und Auferstehung Verwandlung von Raum und Zeit in Ewigkeit.