Predigt zu Silvester (31.12.2018)

 

Es hat lange gedauert, bis die Menschen begriffen haben, daß die Erde keine Scheibe ist und erst recht nicht der Mittelpunkt der Schöpfung. Auch seitdem klar ist, daß sie eine Kugel ist, dreht sich nach wie vor alles um sie. Was bilden wir uns eigentlich alles ein auf dieses Sandkorn im Weltall?

Ungefähr 364 Tage dreht sich die Erde um die Sonne, im Grunde ohne Anfang und Ende. Neben dem Bild des Kreises gibt es auch die Linie mit Anfang und Ende. Der Westen denkt vorwiegend linear mit dem Zielpunkt Omega, wohingegen der Osten kreisförmig orientiert ist. Das Vermittelnde wäre die Spirale.

Wir sprechen zwar vom Jahreskreislauf, aber wo ist der Anfang, wo das Ende? Die Frage ergibt sich auch bei den 24 Stunden eines Tages: Wann beginnt ein Tag? Wieviele Zeitpunkte wurden schon als Jahresanfang bestimmt: Denken wir zum Beispiel an das Kirchenjahr und das weltliche Jahr. Dazu kommen unter anderen noch das Schuljahr, das Lehrjahr oder das Studienjahr.

Die nach den lateinischen Zahlen septem (7), octo (8), novem (9) und decem (10) benannten Monate September, Oktober, November und Dezember weisen darauf hin, daß sie ursprünglich im Jahreskreis anders eingeordnet waren. Bereits 153 v.Chr.G. erfolgte die Umstellung des ersten Monats des Jahres von März auf Januar. Er ist nach dem römischen Gott Janus benannt. Ein Gott mit zwei Gesichtern. Gott des Anfangs und Gott des Endes. Die frühesten Abbildungen von Janus zeigen ihn mit einem Doppelgesicht, vorwärts und rückwärts blickend. Der Übergang vom alten in das neue Jahr ist ein guter Zeitpunkt Rückbesinnung und Vorausschau zu halten.

Wir erfahren Zeit als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im glücklichen Augenblick, im Kairos, verschmilzt alles zu einer Einheit. Solche Momente offenbaren sich uns leider nur in ganz seltenen Sternstunden.

Die Zeitforscher sagen uns heute: „Wir bewegen uns nicht mehr aus der Vergangenheit kommend auf die Zukunft zu. Die Zeit kommt aus der Zukunft, und diese ereignet sich vor der Gegenwart.“

Das kann passieren, weil ein Algorithmus etwas über uns weiß, noch bevor wir handeln. Da bringt uns zum Beispiel ein Lieferservice, weil der Kühlschrank bereits, bevor wir es bemerkt haben, das Fehlen von Artikeln gemeldet hat, den fehlenden Bestand.

Dieses Beispiel zeigt uns, daß wir nicht nur in der augenblicklichen Zeit leben, sondern auch schon Anteil an der Ewigkeit haben, die uns bereits umgibt; denn die Zeit ist eine Pause von der Ewigkeit, und eine glückliche Zeit, ist Ewigkeit zeitlich gedehnt.

Wir westlichen Menschen sehen die Zukunft vorne, die Vergangenheit hinten. Das ist nicht bei allen Menschen so. Für die Aymara- und Quechua-Indianer in den Anden liegt die Zukunft hinten. Das Wort Zukunft heißt bei ihnen „qhipa=dahinter“. In der Vorstellung dieser Menschen befindet sich die Zukunft hinter ihnen und die Vergangenheit vor ihnen; denn das Vergangene ist bekannt und liegt klar sichtbar vor ihnen. Daher heißt die Vergangenheit in ihren Sprachen auch „nawpa=davor“.

Beim Blick auf das vergangene Jahr liegt uns die Vergangenheit vor Augen, es liegt also vor uns, wohingegen das neue Jahr noch hinter uns liegt; denn wir sehen es noch nicht. Wir sollten ihm im Vertrauen auf Gott mit Gelassenheit entgegengehen. Ohne Furcht und Angst, wenn aber mit Furcht und Angst, dann wie der Jüngling im Märchen „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“.

Könnte ein Vorsatz für das kommende Jahr sein, sich selbst besser kennenzulernen? Das ist harte, aber lohnenswerte Arbeit; denn „es gibt keine Himmelfahrt der Gotteserkenntnis ohne die Höllen­fahrt der Selbsterkenntnis.“ (Johann Georg Hamann 1730-1788)